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Tabakkonzern zahlt Nikotin-Opfern 1,25 Milliarden Dollar

Der amerikanische Zigarettenkonzern Liggett (Marktanteil 2 Prozent) hat Zahlungen bis zu einer Höchstsumme von 1,25 Milliarden Dollar (etwa 1,8 Milliarden Mark) an eine Interessengemeinschaft von Nikotin-Opfern zugestimmt. Wie die Muttergesellschaft von Liggett, die Brooke-Gruppe, in Miami mitteilte, verpflichtete sich der Hersteller der Zigaretten der Marke Chesterfield (für diese Marke warb in den 40er Jahren der spätere US-Präsident Ronald Reagan) und Eve darüber hinaus, während der kommenden 25 Jahre jährlich bis zu fünf Prozent seines zu versteuernden Gewinns für Programme gegen das Rauchen abzutreten. Dabei solle ein Höchstbetrag von fünfzig Millionen Dollar pro Jahr aber nicht überschritten werden. Gleichzeitig sagte Liggett auch zu, im gleichen Zeitraum rund 40 Millionen Dollar an fünf US-Bundesstaaten zu zahlen, deren Anwälte die Zigarettenindustrie auf Erstattung der hohen Kosten für Raucherkrankheiten verklagt haben.

Der Vergleich ist beispiellos in der amerikanischen Justiz-Geschichte. Bisher hatten alle Zigarettenproduzenten Schadenersatzforderungen von Nikotin-Geschädigten strikt abgelehnt. Der Vergleich wurde zwischen Liggett und den Anwälten des sogenannten "Castano"-Prozesses ausgehandelt. Dabei handelt es sich um eine Vereinigung von etwa sechzig Anwaltskanzleien, die Personen vertreten, welche sich durch Zigarettenrauch geschädigt fühlen. Sie verpflichten sich, nun auf Klagen gegen den

Chesterfield/Eve-Produzenten oder mögliche Nachfolgeunternehmen zu verzichten. Ein Bundesgericht muß die Vereinbarung noch bestätigen.

Der Vergleich gilt aber auch als ein Schachzug des Eigentümers der Brooke-Gruppe, Bennett LeBow, der ihm die Kontrolle über den Lebensmittel- und Tabakkonzern RJR Nabisco bringen soll. Er hofft, die Aktionäre dafür zu gewinnen, die ihm unangenehme Unternehmensführung zu entlassen und der Ausgliederung der Tabakproduktion aus dem Konzern zuzustimmen.

Süddeutsche Zeitung vom 14.3.96

Frankfurter Rundschau vom 16.3.96

Der Spiegel 13/96

Kommentar: In Deutschland sind solche Prozesse nicht zu erwarten. Durch den Aufdruck "Der Gesundheitsminister: Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit." auf den Zigarettenpackungen haben sich die Tabakkonzerne unabsichtlich frühzeitig gegen finanzielle Schadensersatzansprüche abgesichert. Unabsichtlich deshalb, weil sie sich in den 60er und 70er Jahren vehement dagegen gewehrt haben, ihr Produkt als gesundheitsschädlich kennzeichnen zu müssen. Heute müßten sie den damaligen Bundesgesundheitsministern und -ministerinnen dankbar sein, daß ihnen eine "freiwillige" Vereinbarung aufgedrängt wurde. In Deutschland stehen deshalb nur noch Nichtraucherschutz-Prozesse an - mit indirektem Einfluß auf den Tabakkonsum.


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