"Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief vom 19. März 1996. Um es gleich vorweg zu sagen: Sie haben ja völlig recht mit Ihren Mahnungen und Warnungen. Wir Politiker haben in der Tat eine Vorbildfunktion, und wir müßten, auch was das Rauchen betrifft, mit gutem Beispiel vorangehen. Das ist freilich oft leichter gesagt als getan. Ich bemühe mich wirklich seit langem ernsthaft darum, das Rauchen in der Öffentlichkeit einzuschränken. Wenn allerdings, wie während der Koalitions-Turbulenzen der vergangenen Wochen, aus dem Fünfzehn-Stunden-Tag ein Zwanzig-Stunden-Tag wird, wenn es um grundsätzliche Fragen der politischen Zukunft unseres Landes geht und wenn man ganz besonders die große Verantwortung spürt, dann ist der Geist zwar willig, aber das Fleisch ist gerade in solchen Streßsituationen doch schwach.
Natürlich weiß ich um die gesundheitlichen Gefahren, und Sie dürfen mir glauben, daß auch ich lieber Nichtraucher wäre. Ich mache mir aber nichts vor: Ich werde wohl eine ruhigere Zeit abwarten müssen, um diesem Ziel näherzukommen. Nochmals herzlichen Dank für Ihre zum Nachdenken anregenden Zeilen, die ich, zumindest was das Rauchen in der Öffentlichkeit betrifft, gern zu beherzigen versuchen will.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Johannes Rau"