Der Vorstand eines Gesangvereins hatte zur Familienversammlung eingeladen. Die Herren sollten Frauen und Kinder mitbringen. Die Versammlung begann mit einer Viertelstunde Verspätung, der Vorsitzende eröffnete mit einem ausführlichen Jahresbericht. Als der Vorsitzende fertig war, begann der Kassierer zu reden, dann der Notenwart, anschließend der erste Schreiber, dann der zweite, dann der Dirigent.
Die Kinder kamen um vor Langeweile, aber sie mußten ja Rücksicht nehmen und still sitzen. Der Dirigent redete den Sängern tief ins Gewissen und ermahnte sie, die Proben regelmäßig zu besuchen, denn jeder, der ohne Entschuldigung fehle, verhalte sich "rücksichtslos" gegen die anderen.
Michael grinste, er freute sich, daß sich endlich einmal jemand fand, der den Erwachsenen die Meinung sagte. Als der Dirigent mit seinem Vortrag fertig war, fragte der Vorsitzende: "Wünscht noch jemand hier im Saal das Wort?" Zunächst meldete sich niemand. Plötzlich hob Michael den Arm. Mit dieser Wortmeldung hatte der Vorsitzende nicht gerechnet. Sie paßte ganz und gar nicht in die "Geschäftsordnung". Mit süßsaurem Gesicht bat der Vorsitzende um Ruhe im Saal und erteilte Michael das Wort. Einer knurrte unzufrieden: "Was will denn der Bengel? Wir sind doch hier nicht im Kindergarten!"
Michaels Ansprache dauerte nur wenige Augenblicke. "Ich habe eine Bitte!", kam es mit brüchiger Stimme über die Lippen. "Vielleicht könnte man dafür sorgen, daß hier im Saal nicht so viel geraucht wird! Vom Qualm kriegt man Kopfschmerzen und brennende Augen. Außerdem stinken hinterher unsere Kleider!" Das war's. Michael setzte sich befriedigt auf seinen Stuhl. Jetzt war er gespannt darauf, was passieren würde. Aufmerksam spitzte er die Ohren, ob von irgend einer Ecke Drohungen kommen, aber zunächst war nur allgemeines Gemurmel zu hören.
Da meldete sich ein Mann mittleren Alters zu Wort. Der war Arzt und sagte: "Meine Damen und Herren, wir haben zu dieser Versammlung auch unsere Frauen und Kinder eingeladen. Ich begrüße das. Aber haben wir auch genügend bedacht, daß wir Rücksicht nehmen müssen? Wir Erwachsenen fordern von Kindern und Jugendlichen häufig Toleranz und 'Rücksichtnahme'. Ich meine, das kann die Jugend auch von uns erwarten. Der Junge hat uns jedenfalls mit seiner Wortmeldung und seinem Hinweis wegen des Rauchens eine Lektion erteilt, die wir uns merken sollten."
Nach dieser mit Beifall bedachten Rede des Arztes ließ der Vorsitzende abstimmen, und es wurde mit Stimmenmehrheit beschlossen, das Rauchen im Saal einzustellen. Drei Tage später stand Michaels Wortmeldung mit positiver Bewertung in der Zeitung und brachte ihm ein dickes Lob von seinem Klassenlehrer ein, der von "Zivilcourage" sprach und sie zur Nachahmung empfahl.
In der Dom-Ausgabe der Kirchenzeitung für das Erzbistum Paderborn gelesen von NID-Mitglied Agatha Sondermann.