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Weltkonferenz Rauchen oder Gesundheit

Vom 24. bis 28. August 1997 fand in der chinesischen Hauptstadt Beijing (Peking) die zehnte Weltkonferenz Rauchen oder Gesundheit statt. Dem Kurzbericht im letzten Nichtraucher-Info schließt sich hier ein ausführlicherer Bericht an.

Wenn Chinas mächtigster Mann, Staats- und Parteichef Jiang Zemin, in der Großen Halle des Volkes vor über 2.000 Delegierten aus über 100 Ländern die Eröffnungsrede hält, muß das Ereignis wohl bedeutend sein. Zumindest im eigenen Land fand das Ereignis auch jenen öffentlichen Zuspruch, ohne den Verhaltensänderungen großen Stils kaum denkbar sind. Ob der Einsatz des Staatspräsidenten bei den 300 Millionen chinesischen Rauchern Wirkung zeigt, kann heute noch nicht abschließend beurteilt werden. Immerhin sind viele

haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter in Chinas Gesundheitswesen bestärkt worden bei ihren Bemühungen, Menschen vom Rauchen abzuhalten bzw. abzubringen.

Wer im Sommer am Beijinger Flughafen ankommt, ist ganz froh, daß im Flughafengebäude ein allgemeines Rauchverbot gilt, denn bei Temperaturen von deutlich über 30 Grad und schwüler Luft fällt einem in den nicht oder meist nur ungenügend klimatisierten Räumen das Atmen bereits schwer genug. Eine kleine Ausnahme gibt es nur für die Nikotinabhängigen, die Beijing verlassen wollen. Sie können sich bis zum Besteigen des Flugzeuges in einen ca. 20 m2 großen verglasten Raum begeben und dort - ungeschützt vor neugierigen Blicken - ihren "Schuß setzen".

Was einem Besucher Beijings vor allem auffällt, sind die großen breiten Hauptstraßen, die die Stadt von Nord nach Süd und Ost nach West durchziehen. Sie bieten Platz sowohl für motorisierte Fahrzeuge als auch für eine Unzahl von Fahrrad- und Rikscha-Fahrern. Wer ein schwaches Herz hat und auch sonst sehr leicht zu ängstigen ist, sollte allerdings immer Augenklappen dabei haben, wenn er mit dem Taxi oder dem

Bus fährt. Denn die Fahrweise der Chinesen ist nichts für jene, die anderenorts ein Fahrverhalten nach Regeln gewohnt sind. Wiederholt erlebte ich Situationen, in denen es eigentlich hätte krachen müssen, doch wie ein Wunder konnten die Verkehrsteilnehmer noch den nötigen Millimeterabstand erbremsen oder erlenken.

Beijing ist eine Stadt der Gegensätze. Reiche und arme Stadtviertel gibt es genauso wie saubere und mehr oder weniger schmutzige. Die Weltkonferenz fand in einem der neuen Viertel im Norden Beijings, 20 km vom Stadtzentrum entfernt, statt. Tagungsgebäude war das International Convention Center, direkt beim internationalen olympischen Sportzentrum gelegen. Dank der klimatisierten Räume herrschten gute Bedingungen für die Konferenzteilnehmer - sofern sie des Englischen, der Konferenzsprache, einigermaßen mächtig waren. Daß in den jedermann zugänglichen Räumen, Fluren und Hallen nicht geraucht wurde, verstand sich zum einen von selbst, war zum anderen aber auch wohl durch die Teilnehmer selbst bedingt, die durchwegs Nichtraucher waren. Auch im nebenan gelegenen Beijing International Grand Hotel, in dem die meisten Teilnehmer untergebracht waren, blieb die Luft an den Konferenztagen rauchfrei.

Für die acht Plenarsitzungen bot die große Konferenzhalle ausreichend Platz. Besonders an den ersten beiden Tagen

mußte man aber schon sehr früh erscheinen, um sich eine Sitzgelegenheit zu sichern, von der aus man dem Geschehen am besten folgen konnte. Am meisten Eindruck machte auf mich der im Organisationskomitee als Seniorberater fungierende Epidemiologe Richard Peto von der Oxford-Universität. Seine Ausführungen zu den in Zahlen ausgedrückten Auswirkungen des Rauchens fesselten mich. Danach sterben jedes Jahr zur Zeit weltweit drei Millionen Menschen vorzeitig an den Folgen des Rauchens, zwei Millionen in den Industriestaaten und eine Million in den Entwicklungsländern. Wenn das derzeitige Rauchverhalten beibehalten wird, ist im Jahr 2025 mit drei Million Tabaktoten in den Industriestaaten und sieben Million in den Entwicklungsländern zu rechnen.

Es würde zu weit führen, hier über alle Vorträge, denen ich im Laufe der vier vollen Konferenztage meine Aufmerksamkeit widmete, zu berichten. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir zwei Sitzungen mit jeweils mehreren Vorträgen. In der ersten der beiden zum Themenbereich Passivrauchen kam der im Dienst der britischen Tabakindustrie stehende Wissenschaftler Peter N. Lee zu Wort. Er führte alle Ergebnisse von Untersuchungen über die Schädlichkeit des Passivrauchens zum einen auf Mißklassifikation sowohl der Raucher als auch Nichtraucher und zum anderen auf unkontrollierte Datenerhebung zu-

rück. Dem widersprachen die folgenden Referenten, David Zaridze aus Rußland sowie Stanton Glantz und Jonathan Samet aus den USA. Sie wiesen nach, daß Passivrauchen sowohl das Lungenkrebsrisiko als auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um etwa 30 Prozent erhöht. Für die USA schätzte Stanton Glantz die Zahl der durch Passivrauchen vorzeitig verstorbenen Nichtraucher auf fünfzig- bis sechzigtausend.

Peter N. Lee war mir bisher nur über einschlägige Veröffentlichungen der Zigarettenindustrie bekannt. Es mag Voreingenommenheit sein, aber ich kann mir nicht helfen: Lee machte auf mich den Eindruck eines verhaltensgestörten Mannes. Zunächst sein Vor-trag: Um nur ja alle Argumente in den vorgesehenen zwanzig Minuten loszuwerden, legte er ein Sprechtempo vor, das selbst fachkundige Zuhörer überforderte. Ein Bild nach dem anderen warf er auf die Leinwand, ohne dem Zuschauer Zeit zu lassen, die Unmenge an Daten aufzunehmen. Bei der anschließenden Diskussion, in der Lees Verbindungen zur Tabakindustrie offen angesprochen wurden, saß er mit hochrotem Kopf weitgehend widerstandslos auf seinem Platz. Daß so ein Mann im Dienst der Tabakmafia steht, wunderte mich. Aber vielleicht ist es ganz gut so.

Am vorletzten Konferenztag versuchte ein Teil der US-Delegierten, die Sitzungsteilnehmer zur Verabschiedung einer Resolution zu bewegen, in der

Präsident Clinton aufgefordert wird, noch schärfer gegen die Tabakindustrie in seinem Land vorzugehen. Die Delegierten aus den Entwicklungsländern reagierten darauf mit Ablehnung, weil sie zu recht befürchten, daß die US-Tabakindustrie mit verstärkten Auslandsaktivitäten reagieren wird, wenn ihre Chancen auf dem einheimischen Markt sinken. Sie forderten daher, in die Resolution einen Passus aufzunehmen, der den Abbau der US-Exportsubventionen für die Tabakindustrie vorsieht. Da es bei den amerikanischen Delegierten Meinungsunterschiede darüber gab, ob der Tabakdeal (die US-Tabakindustrie will sich mit 300 Milliarden Dollar von ihrer Verantwortung freikaufen) realisiert werden soll oder nicht, verzögerte sich die mögliche Konsensbildung über eine Resolution. In der restlichen Sitzungszeit kam es dann zu keiner Einigung mehr.

Aus Deutschland waren zwei Referenten angereist: Dr. Anil Batra von der Universitätsklinik für Psychiatrie in Tübingen, leitend im dortigen Arbeitskreis Raucherentwöhnung tätig, und Dr. Martina Pötschke-Langer, für die Öffentlichkeitsarbeit im Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zuständig. Während sich Anil Batra in seinem Vortrag den Bedingungen widmete, unter denen Schwangere leichter und endgültig vom Rauchen loskommen, trug Martina Pötschke-Langer die Ergebnisse einer Befragung von 3.852

Kindern im Alter von neun bis elf Jahren über ihr Wissen und Verhalten sowie ihre Einstellungen zur eigenen Gesundheit vor.


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