Der Bericht "Selbstmord wegen Mobbing durch Raucher" im Nichtraucher-Info Nr. 33 hat mich sehr bewegt. Denn in jungen Jahren habe ich auf der Schiene selbst die Hölle erlebt. Damals - ich war 18 und hatte gerade meine Ausbildung zum Postassistenten abgeschlossen - arbeitete ich für einige Zeit im Bahnpostwagen, in dem Briefe und Pakete verteilt und ein- und ausgeladen wurden. Auf diese Weise bin ich von Stuttgart aus weit im Schwabenländle herumgekommen und darüber hinaus nach Frankfurt, Nürnberg und München.
Gearbeitet wurde zu allen Tages- und Nachtzeiten. Oftmals mußten wir am Zielort in Unterkünften, die die Post zur Verfügung stellte, übernachten. An einen gesunden Schlaf war dabei für mich nicht zu denken. Denn die Kollegen, die die Tour am Tag zuvor gefahren waren, hatten in den Schlafräumen ständig geraucht. Da half kein noch so starkes Lüften mehr - der kalte Rauch hing in jedem Kubikzentimeter des Raumes.
Am schlimmsten aber war es während der Arbeit in den Bahnpostwagen der Schnellzüge nach Frankfurt und München. So ein Bahnpostwagen hatte eine Länge von 26 Metern. Davon war die Hälfte abgetrennt als Laderaum für Pakete und Postsäke. Im Briefverteilraum arbeiteten bis zu 20 Postler, oftmals starke Raucher, denen die Zigarette oder Zigarre kaum ausging. Das ganze Briefabteil war dann bald total mit Rauch gefüllt. Es konnte sein, daß die Kollegen, die drei Meter von mir entfernt arbeiteten, durch die Rauchschwaden hindurch kaum zu erkennen waren. Während der Fahrt ein Zugfenster aufzureißen, wurde als Todsünde angesehen. Dabei hätte sich ja einer der Kettenraucher eine schwere Erkältung zuziehen können. Mit Vorarbeitszeiten war ich oftmals gezwungen, 6 bis 7 Stunden in dem total verräucherten Bahnpostwagen auszuharren.
Die Folgen waren entsetzlich. Ich wankte oft mehr als ich ging bei Dienstende aus dem Zug. Heftige Kopfschmerzen und Magen- und Herzbeschwerden stellten sich regelmäßig ein. Oftmals empfand ich es als Wohltat, daß bei Ankunft in der Nacht kein öffentliches Verkehrsmittel mehr zu meiner Wohnung in Stuttgart-Vaihingen fuhr. So konnte ich mich bei einem zweistündigen Fußmarsch in der frischen Nachtluft wenigstens einigermaßen erholen.
Heute würde ich mir ein solch rücksichtsloses Verhalten meiner Kollegen nicht mehr gefallen lassen. Aber die Zeiten waren damals anders. Die schweigende Mehrheit der Nichtraucher tolerierte das Rauchen viel mehr als heute. Als junger Dienstanfänger hatte man ohnehin nicht viel zu melden.
Bahnpostwagen gibt es heute nicht mehr. Geblieben aber sind rücksichtlose Raucher, die ausschließlich ihren Interessen leben und sich um die gesundheitlichen Belange der Nichtraucher keinen Deut kümmern. Dagegen müssen wir uns wehren.
Gerhard Haußmann