Auszüge aus internen Unterlagen der Zigarettenindustrie über deren Forschungsaktivitäten und Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland.
Ein Überblick
Der Versuch sich zu waschen, ohne dabei naß zu werden
Die deutsche Zigarettenindustrie vergibt bekanntlich seit vielen Jahren Geldmittel für Forschungsprojekte und Öffentlichkeitsarbeit mit Themen im Bereich des Zigarettenrauchens.
Dabei kann man von Forschung in diesem Zusammenhang nur sehr bedingt sprechen, denn echte Forschung ist immer ergebnisoffen; dagegen kann die Zigarettenindustrie aus wirtschaftlichen Gründen nicht an Untersuchungen interessiert sein, die die gesundheitliche Schädigung des Rauchens belegen. Die Förderung von Forschung durch die Zigarettenindustrie gleicht daher dem sprichwörtlichen Versuch, sich zu waschen ohne dabei naß zu werden.
Auch der außenstehende Beobachter der öffentlichen Diskussion über die Auswirkungen des Rauchens kann sich leicht vorstellen, welche widersprüchlichen Ziele bei den von der Zigarettenindustrie gesponserten Untersuchungen unter einen Hut gebracht werden sollen. Zunächst ist diese Forschung mit dem grundsätzlichen Makel behaftet, daß schon aus formalen Gründen wegen der vorliegenden finanziellen Abhängigkeit Voreingenommenheit bei den gefundenen Ergebnissen angenommen werden muß. Ein weiteres Problem entsteht bei der Auswahl der gesponserten Wissenschaftler: Unbekannte Wissenschaftler lassen sich zwar leichter "kaufen", um auf diesem Weg unerwünschte Untersuchungsergebnisse zu vermeiden, sie haben aber kein hohes Ansehen; renommierten Forschern schenkt man zwar in Wissenschaft und Öffentlichkeit eher Glauben, doch sie werden ihren guten Ruf nicht so leicht durch Unwissenschaftlichkeit aufs Spiel setzen - und das Rauchen hat nun mal die für die Zigarettenindustrie inzwischen eindeutig bewiesene unangenehme Eigenschaft, daß dessen grundsätzliche Gesundheitsgefährdung nicht zu leugnen ist.
Sogar wenn die Zigarettenindustrie die Themen der einzelnen Forschungsprojekte beeinflussen kann, ist sie nicht aus dem Schneider: Läßt man die wirklich wichtigen Fragen zum Rauchen, nämlich die Gesundheitsaspekte, untersuchen, so kann dabei aus der Natur der Sache nichts für die Zigarettenindustrie Freundliches herauskommen; fördert man dagegen Untersuchungen zu Nebenaspekten, so kann man zwar durch geschickte Fragestellung unangenehme Antworten mit einiger Sicherheit ausschließen, allerdings interessieren dann die Ergebnisse auch niemand. Zu allen diesen Aspekten haben zudem die einzelnen Zigarettenfirmen, die Mittel für die gemeinsame Forschungsförderung bereitstellen, unterschiedliche Meinungen.
Die Quelle der Information
Seit kurzem ist die Öffentlichkeit nicht mehr nur allein auf Vermutungen darüber angewiesen, wie es hinter den Kulissen der Zigarettenindustrie bei deren Forschungsförderung und Öffentlichkeitsarbeit zugeht. Dies verdanken wir den Schadensersatzprozessen, die in den USA zwischen Privatpersonen und öffentlichen Institutionen als Kläger und der Zigarettenindustrie als Beschuldigte laufen. Im Urteil eines Prozesses des Staates Minnesota in den USA gegen die Zigarettenindustrie wurde unter anderem festgelegt, daß die Zigarettenindustrie bestimmte interne Dokumente offenlegen mußte. Das Gericht vermutete in diesen Dokumenten das Eingeständnis, daß die Zigarettenindustrie entgegen ihren ständigen Behauptungen die Gesundheitsgefahr durch das Rauchen schon lange kannte und daß sie außerdem die Zigarettenproduktion so gestaltete, daß suchtmäßige Abhängigkeit bei den Rauchern entstehen konnte.
Unter diesen Dokumenten befinden sich auch 149 Texte aus der Zeit zwischen 1965 und 1997, die über die Forschungsaktivitäten der deutschen Zigarettenindustrie berichten. Als Einschränkung ist zu berücksichtigen, daß es sich hierbei ausschließlich um Texte handelt, die entweder in den USA geschrieben wurden oder als Berichte von Beobachtern der internen Vorgänge zwischen den deutschen Zigarettenfirmen in die USA gelangt sind; dies bedeutet, daß das Bild nur bruchstückhaft ist. Trotzdem ist es sehr interessant, was man aus diesen Texten erfahren kann.
Der NID sind diese 149 Texte, gekürzt auf die Aussagen mit Bezug auf die Verhältnisse in Deutschland, per Email übermittelt worden. Um dem tiefer interessierten Leser die Möglichkeit der weitergehenden Information zu geben, ist in der nachfolgenden Zusammenfassung dieser Texte jeweils in Klammern und getrennt durch einen Schrägstrich die Nummer des Textes und das Jahr des Dokuments angegeben. Die englischen Originaltexte können hier eingesehen werden.
Unterschiede zwischen den USA und Europa
In einem Text (2/1980) beschreiben Vertreter der amerikanischen Zigarettenindustrie aus ihrer Sicht die grundlegende Einstellung der Zigarettenindustrie in den USA und Europa zur Forschungsförderung und sehen dabei wesentliche Unterschiede.
In den USA wurde demnach die Zigarettenindustrie in den frühen fünfziger Jahren vorwiegend von Personen gelei-
tet, die die Gesundheitsgefahren des Rauchens prinzipiell anzweifelten. Auch nach Beginn der Schadensersatzprozesse gegen die Zigarettenindustrie im Jahre 1954 vertrat man so weit wie möglich die These, daß die gesundheitliche Schädlichkeit des Rauchens unbewiesen wäre. Um diese Linie abzusichern, förderte man Wissenschaftler, von denen man sich eine Stärkung der eigenen Position erhoffte.
Nach Ansicht des Schreibers des Textes wurden dagegen in der europäischen Tabakindustrie die gesundheitlichen Bedenken gegen das Rauchen im Prinzip akzeptiert. Man war sich bewußt, daß man ein "schlechtes Produkt" hatte. Es wurde aber behauptet (15/ 1977), daß die krebserregenden Substanzen im Rauch relativ schwach wären und daß sie unter normalen Umständen nicht zur Bildung von Tumoren führen könnten.
Die vorliegenden Texte der Tabakindustrie zeigen je nach Herkunft des Schreibers auch wesentliche Unterschiede in Sprache und Argumentation. Allen Vertretern der Zigarettenindustrie ist gemeinsam, daß sie die gesundheitlichen Probleme des Rauchen möglichst anzweifeln und kleinreden. Die Amerikaner zeigen sich jedoch als unübertreffbare Betonköpfe, wenn es um das Leugnen der Tabakgefahren geht. Und ihre Argumentation schlägt zum Teil absurde Kapriolen. So versuchen sie zum Beispiel der Gefahr zu entgehen, daß man die Einführung von Zigaretten mit niedrigem Nikotin- und Teergehalt als Eingeständnis der Gesundheitsgefahren sehen könnte, indem sie die kühne Behauptung aufstellen, dies sei nicht aus gesundheitlichen Gründen erfolgt, sondern allein als Maßnahme im Konkurrenzkampf der Firmen untereinander (23/1978). So als ob es sich hier nur um einen Marketing-Gag handelte.