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Seite 19 von 35 HemdenwechselJeder ordentliche Mensch wechselt sein Hemd, sobald es Flecken abbekommen hat oder es unangenehm zu riechen beginnt. Schließlich will er sich nicht als Schmuddelkind präsentieren. Kürzlich hat sogar eine ganze Branche ihr Hemd gewechselt, um ihr Schmuddel-Image loszuwerden. Die Tabakindustrie präsentiert sich im blütenweißen Hemd als eifrige Verfechterin des Nichtraucherschutzes. Eben noch hat sie die Harmlosigkeit des Passivrauchens betont, und schon lässt sie über ihren Dachverband verlauten: "Die Cigarettenindustrie hält den Nichtraucherschutz für eine unbedingte Notwendigkeit". Der Verband der Cigarettenindustrie (VdC) lädt Parlamentarier ein, um mit ihnen zu beraten, wie denn der Nichtraucherschutz noch weiter zu verbessern wäre. Wir brauchen weitergehende Regulierungen, fordert er – mit Augenmaß, versteht sich.
Was passiert hier eigentlich? Will die Tabakindustrie das lahme Politikervolk in Deutschland nun endlich auf Trab bringen, damit wir die Rote Laterne auf dem Gebiet des Nichtraucherschutzes los werden und uns international nicht länger blamieren müssen? Die Forderungen des VdC klingen verwegen: Generelles Rauchverbot für Behörden, generelles Rauchverbot für Schulen und sonstige Bildungseinrichtungen, generelles Rauchverbot in Krankenhäusern und Gesundheitseinrichtungen, Rauchverbote in Theatern und Konzertsälen. Für öffentliche Verkehrsmittel, Bahnhöfe und Flughäfen soll es Rauchverbote in allen geschlossenen Räumen geben, Raucherzonen dürfen nur im Freien eingerichtet werden. Lediglich in Fernzügen soll es einzelne Raucherwagen am Anfang oder am Ende der Züge geben, dafür keine Raucherabteile in allen Wagen. Das Rauchen muss an öffentlichen Orten geregelt werden, meint der VdC. Menschen müssen sich dem Passivrauchen entziehen können.
Gesinnungswandel durch Läuterung bei den Herren der Tabakindustrie? Daran glaubt nur, wer die üblen Tricks dieser Herren noch nicht durchschaut hat. Ist es ein Zufall, wenn solche Vorschläge von der Branche just zu der Zeit auf den Tisch kommen, da vernünftige Politiker über umfassende Rauchverbote in der Öffentlichkeit beraten? Um die entscheidenden Positionen zu halten, entschließt sich das Management zu Bauernopfern. Solche Opfer tun nicht sonderlich weh, denn wir wissen, zu jeder Regel gibt es Ausnahmen. Die sind dann hinter dem Schlagwort "Augenmaß" versteckt. Aber zunächst einmal will der VdC mit seinem Forderungskatalog das Märchen von einer "verantwortungsbewussten Cigarettenindustrie" neu beleben. Er lädt Politiker und alle namhaften Streiter für einen wirksamen Schutz vor dem Passivrauchen zu einem Arrangement mit der Tabakindustrie ein – und tut so, als gäbe es dafür nur ganz lautere Motive.
Worum geht es dem VdC? Es geht ihm schlicht und einfach um das Überleben von Big Tobacco. Angesichts der alarmierenden Erkenntnisse über die Folgen des Aktiv- und Passivrauchens wird die Vision einer tabakfreien Welt immer greifbarer. Die Überwindung des Tabakkonsums im globalen Maßstab ist möglich und notwendig, das wissen wir spätestens seit der 13. Weltkonferenz "Tabak ODER Gesundheit" in Washington. Die Tabakindustrie versucht nun verzweifelt, den Konsum ihrer Produkte gesellschaftsfähig zu halten. Da sich die Gefahren des aktiven und passiven Rauchens nicht mehr leugnen lassen, will sie sich nunmehr als Schutzpatron aller Raucher und Nichtraucher präsentieren. Dabei geht sie mit ihren Forderungen über das hinaus, was die deutsche Politik bisher für angemessen und erforderlich gehalten hat. Sie kennt sehr wohl die Forderung des überwiegenden Teils der Bevölkerung nach umfassenderem Schutz vor den Gefahren des Rauchens. Nun will sie die Grenzen setzen, bevor sich verantwortungsbewusste Politiker mit wirklich effektiven Regelungen durchsetzen können. Getreu dem Grundsatz: "Politik ist der Spielraum, den das Kapital offen lässt".
Der Tabakindustrie geht es darum, das Rauchen trotz aller Forderungen nach umfassenden Rauchverboten im öffentlichen Leben sichtbar präsent zu halten. Es soll als unverzichtbarer Bestandteil des informellen Miteinanders von Menschen erscheinen, als willkommener Vermittler ungezwungener Kommunikation. Für ein solches Spektakel sind Gaststätten, Bars oder Discos ideale Spielplätze, auf die der VdC und die gesamte Tabakbranche keineswegs verzichten wollen. In einer Spaß- und Unterhaltungsgesellschaft sind Freizeitoasen sowie Film und Fernsehen ideale Werbemedien, durch die auch die Jugend den Stil der großen weiten Welt beigebracht bekommt.
Hier findet der Rauchernachwuchs seine Vorbilder. Uns muss vor allem daran gelegen sein, das Rauchen aus dem öffentlichen Leben zu verbannen, sowohl aus dem realen als auch aus dem durch Medien widergespiegelten. In einem zweiten Schritt gilt es schließlich auch, das Rauchen im privaten Leben zur Disposition zu stellen. Nur so lässt sich die Tabakepidemie wirklich bekämpfen. Wir dürfen uns nicht auf Nichtraucherschutz reduzieren lassen, der durch Barrieren zwischen Rauchern und Nichtrauchern wirksam wird. Es geht vielmehr um Beseitigung des hoch giftigen Schadstoffgemisches Tabakrauch schlechthin. Uns liegt auch nichts an einem spezifischen Raucherschutz durch schadstoffärmere Tabakprodukte oder rauchfreie Nikotinapplikationen. Wir wollen die Überwindung von Tabakkonsum und Nikotinabhängigkeit. Wir sind dagegen, das Rauchen nur für Kinder und Jugendliche in Frage zu stellen. Dadurch wird eine altersabhängige Legalitätsgrenze gezogen. Die Politik schickt sich nun an, diese Grenze zu erhöhen. Auch die Tabakindustrie setzt sich für die Erhöhung dieser Grenze von 16 auf 18 Jahre ein, um damit die Legalität des Rauchens im Erwachsenenalter umso fester zu schreiben. Wir stellen die Legalität des Rauchens generell in Frage.
Erscheint dies alles zu radikal? Aber nein, denn jede andere Position würde letzten Endes auf ein Arrangement mit der Tabakindustrie hinauslaufen. Dr. Wolfgang Schwarz
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