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Nichtraucher-Info Nr. 65 - I/07 Drucken E-Mail
Veröffentlicht von Ernst-Günther Krause   
Dienstag, 12. Dezember 2006

 

SUCHT 2006 – Sucht und Lebensalter

Unter diesem Titel fand vom 13. bis 15. November 2006 in Dresden die jährliche Fachkonferenz der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) e.V. statt. Im Deutschen Hygiene-Museum berieten mehr als 500 Fachleute über Suchtgenese und Suchtbehandlung in verschiedenen Lebensabschnitten. Suchtpräventive Aspekte wurden auch angesprochen, doch zu selten und zu wenig nachdrücklich.
 
Unbedingt positiv zu bewerten ist die verstärkte Hinwendung der Suchtexperten auf die legalen Drogen Tabak und Alkohol. Der Vorsitzende der DHS, Prof. Dr. Jobst Böning, hob in seiner Begrüßungsansprache den Risikofaktor Tabakrauchen besonders hervor und kritisierte die desolate Umsetzung der Tabakkontrollpolitik durch die Bundesregierung, die von der Tabakindustrie diktiert werde.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Frau Sabine Bätzing, setzte den Schwerpunkt der Anti-Drogen-Politik ebenfalls auf die legalen Suchtstoffe Alkohol und Tabak, wobei der Nichtraucherschutz eindeutig Vorrang habe. Sie stehe für ein Nichtraucherschutzgesetz mit so wenig Ausnahmen wie möglich. Dabei berief sie sich auf einen Stimmungswandel in der Bevölkerung gegenüber dem Problem Passivrauchen. Anders als ihr Vorredner meinte sie, die Bundesregierung habe sich auch bisher aktiv für den Nichtraucherschutz eingesetzt und zeige Kontinuität in der Drogen- und Suchtpolitik. Als Beispiele nannte sie die Aktion Rauchfrei der BZgA und das Modellprojekt Rauchfreies Krankenhaus.

Beide Positionen blieben so stehen. Das weitere Programm ging über sie hinweg. In der Kaffeepause hatte ich Gelegenheit, Frau Bätzing anzusprechen. Sie versicherte mir, das kommende Nichtraucherschutzgesetz sei keine Kopie des Forderungskataloges der Tabakindustrie, sondern gehe über das ominöse Positionspapier des Verbandes der Cigarettenindustrie hinaus. Nähere Einzelheiten wollte sie noch nicht mitteilen.

Nach der Pause sprach Prof. Dr. Dieter Henkel von der Fachhochschule Frankfurt/Main über Sucht, soziale Lagen und Lebensalter. Armut befördere das Rauchen auf mehr als das Doppelte. Für Kinder bedeute Aufwachsen in Armut eine Konfrontation mit dem Risiko Rauchen in mehrfacher Hinsicht: Gefahren durch Passivrauchen, Verführung zum Rauchen und weitere Reduzierung des Familienbudgets, denn Arme geben 10 bis 20% ihres Nettoeinkommens für Tabak aus. Während nur 7% der Kinder wohlhabender Eltern im Alter von 11 bis 15 Jahren Zigaretten rauchen, tun das 17% der Kinder aus sozial schwachen Familien. Auch Arbeitslosigkeit befördere das Rauchen und behindere den Ausstieg. In der folgenden Diskussion zu den Ursachen sowie den gesundheitlichen und sozialen Folgen des Rauchens bemerkte Herr Prof. Böning: "Die Regierenden müssen ein schlechtes Gewissen kriegen!" Zu diesem Zeitpunkt hatte Frau Bätzing die Konferenz aber schon wieder verlassen.

Prof. Dr. Stefan Sell von der Fachhochschule Koblenz vertrat in seinem Vortrag die These, der heutige gesellschaftliche Strukturwandel mit der sich öffnenden Schere zwischen Arm und Reich verschärfe die Suchtproblematik. Mit Blick auf die zögerliche Haltung gegenüber notwendigen Kontrollmaßnahmen meinte er sinngemäß, eine "tolerante" Gesellschaft sei in Wirklichkeit eine teilnahmslose Gesellschaft.

Aus unserer Sicht besonders interessant waren die Vorträge von Peter Lindinger, St.Peter, am zweiten und von Prof. Dr. Anil Batra, Universitätsklinik Tübingen, am dritten Konferenztag. Herr Lindinger sprach über geschlechtsspezifische Prävention und Behandlung der Tabakabhängigkeit bei Jugendlichen und fand bei Jungen und bei Mädchen unterschiedliche Bedingungen, die zum Rauchen führen. So tendieren eher selbstunsichere Jungen, aber eher selbstsichere Mädchen zur Aufnahme des Rauchverhaltens. Verhaltenspräventive Maßnahmen beurteilte er pessimistisch, solange es nicht gelingt, entscheidende Tabakkontrollmaßnahmen durchzusetzen. Gegenwärtig verhindern in Deutschland 20 Millionen erwachsene Rauchervorbilder einen Erfolg in der Tabakprävention bei Jugendlichen.

"Tabak - eine Droge für jedes Lebensalter" nannte Prof. Batra seinen Vortrag. Der Tabakkonsum gewinne auch in Deutschland steigende Aufmerksamkeit. 17% der Gesamtmortalität hierzulande seien dem Rauchen anzulasten. Das Rauchen gehe dem Konsum anderer Drogen voraus. Für die Tabakprävention bei Jugendlichen hält er den Verweis auf später drohende Krankheiten für ungeeignet. "Wenn der Krebs nach 20 Jahren kommt, dann höre ich in 19 Jahren mit dem Rauchen auf!" hat ihm ein Jugendlicher einmal erklärt. Für weitaus wirksamer hält er Argumente, die auf eine verminderte Attraktivität des aktiven Rauchers zielen.

Für den in der Praxis tätigen Suchtexperten war diese Konferenz sehr informativ und anregend. Impulse für eine wirksame Tabakkontrollpolitik werden aber wohl erst von der 4. Deutschen Konferenz für Tabakkontrolle in Heidelberg ausgehen.

Dr. Wolfgang Schwarz

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