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Seite 13 von 35 Glück oder Kick? Was ist Glück? Der kleine Moritz baut mit Holzklötzchen einen Turm. Groß soll er werden, aber umfallen darf er nicht. Stolz verfolgt er, wie sein Turm immer höher wird. Mit sichtlicher Anstrengung und Sorgfalt setzt er Stein auf Stein, bis sein Bauwerk vollendet ist. Am Ende fühlt er sich glücklich, als kleiner Knirps so etwas Großes geschaffen zu haben. Da kommt Max und zerstört mit einem Fußtritt das mühsam geschaffene Werk. Was hat er davon? Er spürte einen Kick - Schadenfreude oder das Gefühl, am Ende der Sieger zu sein. So einfach ist es, sich Genugtuung zu verschaffen. Ist das auch Glück?  glücklich oder kicklich? Die Versuchung ist groß, sich ohne viel Anstrengung das schnelle Glück zu holen. Einige Züge aus dem glimmenden Stängel genügen, um im Körper das Glückshormon Serotonin freizusetzen. Ich spüre den Kick - und das Glück ist da. Oder nicht? Der Begriff "Glück" hat zwei Seiten. So kann ich beim Würfeln Glück haben. Hier war ein günstiger Zufall am Werke. Dauerhaftes Glück aber erwächst aus der inneren Zufriedenheit über gelungene Taten und herausragende Leistungen, die zu echten Erfolgserlebnissen führen. Hingegen hat das vom Nikotin ausgelöste Glücksgefühl keinen realen Hintergrund und hält auch nur kurze Zeit vor. Das Gefühl ist nicht echt. Was treibt den Raucher dazu, mittels einer fragwürdigen Droge einem unechten Gefühl nachzujagen? Wozu braucht er den Kick? Nun, ihm geht es wie dem kleinen Max. Er fühlt sich nicht glücklich. Sein emotionales Defizit kann sehr verschiedene Ursachen haben. Möglicherweise plagen ihn Langeweile, Ärger oder Stress. Vielleicht fühlt er sich nicht geliebt, nicht geachtet und verletzt. Oder seine Bemühungen werden nicht gewürdigt, während andere für wesentlich geringeren Einsatz immerzu gelobt werden. Möglicherweise aber ist er einer von den Null-Bock-Kandidaten, die sich selbst um ihre Erfolgserlebnisse bringen. Später vielleicht besteht sein Unglück darin, vom Nikotin abhängig zu sein. Ob er will oder nicht - er muss rauchen, weil er sich ohne Droge scheußlich fühlt. Lebensglück und Drogenkick sind schier unvereinbare Gegensätze. Je mehr das eine fehlt, umso größer wird der Drang, Ersatz im anderen zu suchen. Rauchen ist wie jeder andere Drogenkonsum ein Symptom für unerfüllte Lebensträume. Die Droge spiegelt eine Erfüllung vor. Sie verblendet und trübt damit den Blick für den wirklichen Weg zum Glück. Er liegt im eigenen sinnerfüllten Tätigsein, denn "jeder ist seines Glückes Schmied". Wie wird das Rauchen überflüssig? Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, Noch-nicht-Rauchern oder Schon-Rauchern Gelegenheit zu geben und ihnen dabei zu helfen, ihr eigenes Glück zu finden. Natürlich ist dies in einer Welt voller Ungerechtigkeiten und sozialer Gegensätze nicht leicht. Wer sich in der realen Welt zurückgesetzt und verstoßen fühlt, der flüchtet gern in eine Scheinwelt, in der Hässliches weniger abstoßend und Schönes noch viel angenehmer erscheint. Nikotin kann ihm dabei helfen. Es wirkt wie eine rosarote Brille. Die Gefühlswelt des Rauchers verfärbt sich zu einem schönen Schein. Der beste Schutz vor den Anfechtungen des Rauchens ist ein gesundes Selbstwertgefühl. Wer sich selbst als wertvolles und geschätztes Mitglied der Gesellschaft fühlt, kommt weniger in Gefahr, ein Raucher zu werden. So ist der Raucheranteil unter Personen mit höherem Bildungsniveau bedeutend geringer als der unter weniger Gebildeten. Auch soziale Bindung und Geborgenheit mindern den Drang zum Rauchen. Unter Verheirateten gibt es weniger Raucher als unter Ledigen, Verwitweten und Geschiedenen. Kinder aus vollständigen und intakten Familien neigen weniger zum Rauchen als Kinder aus zerbrochenen und gestörten Familien. So gesehen ist das Rauchen auch ein Symptom für persönliche und soziale Unzulänglichkeiten. Wirklich glücklich wird nur, wer sich diesen Unzulänglichkeiten stellt und bemüht ist, sie zu überwinden. Dazu gehört am Ende auch das Rauchen selbst. Aber halt, auch Raucher behaupten, Glück gehabt zu haben. Sie meinen damit den Zufall, der ihnen einen Gewinn beschert oder sie vor einem Unheil bewahrt hat. Längst haben sie sich mit dem über alle Maßen hohen Risiko arrangiert, das mit dem Rauchen einhergeht. Sie spielen mit dem Teufel um ihr Leben und hoffen, nicht zu den 50 Prozent der Raucher zu gehören, denen der Tabak ein unerwartet frühes und meist qualvolles Ableben beschert. Falls sie das Rentenalter erreicht haben, können sie mit Recht sagen: "Glück gehabt!". Weit weniger Raucher als Nichtraucher kommen in den Genuss der Rente. Wer als Raucher das Glück eines langen Lebens genießen darf, sollte sich aber nicht zu früh freuen. Vielleicht müssen an seiner Stelle seine Kinder oder Enkel die Folgen seines zweifelhaften Rauchvergnügens an Leib und Leben büßen. Man kann es nicht oft genug sagen: Rauchen schädigt das Erbgut über mehrere Generationen hinweg. Es geht also beim Rauchen niemals nur um die eigene Gesundheit. Immer sind auch andere betroffen. Deshalb kann Rauchen nicht als Privatsache abgetan werden, über die jeder nach eigenem Gutdünken entscheiden kann. Im Übrigen entscheidet der Raucher in den meisten Fällen auch nicht selbst, ob er jetzt rauchen will oder nicht. Seine Abhängigkeit nötigt ihn dazu, sich und seine Umwelt mit blauem Dunst zu vernebeln. Es wäre daher auch nicht fair, ihm das vorzuwerfen, wozu ihn gewissenlose Geschäftemacher mit fragwürdigen Verlockungen verführt haben. Des Rauchers Unglück besteht darin, in eine Falle gelockt worden zu sein. Er wurde seiner Freiheit beraubt. Nicht nur von den Glücksrittern, denen er sagenhafte Profite beschert, sondern auch von populistischen Leuten, die ständig von Freiheit reden und dabei doch nur die Freiheit meinen, vom Unglück anderer zu profitieren. Dr. Wolfgang Schwarz Zurück zum Inhaltsverzeichnis
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