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Medienpreisverleihung an Prof. Dr. med. Ferdinand Schmidt

Die Nichtraucher-Initiative Deutschland e.V. (NID) verlieh am 11. Mai 1996, in Heidelberg, durch Prof. Gerhard Mai (links) ihren Medienpreis für eine rauchfreie Gesellschaft an den Gründer und Ehrenvorsitzenden des Ärztlichen Arbeitskreises Rauchen und Gesundheit, Prof. Dr. med. Ferdinand Schmidt.

In einem Grußwort dankte der Leiter des Deutschen Krebsforschungszentrums, Prof. Dr. Harald zur Hausen, dem Preisträger für seine Beharrlichkeit, seine Unerschrockenheit und seinen Mut in seinem Engagement zum Schutz der Nichtraucher und für eine rauchfreie Gesellschaft. Anschließend würdigte der Präsident der NID, Prof. Gerhard Mai, in seiner Laudatio das Lebenswerk von Deutschlands bedeutendstem Kämpfer für eine rauchfreie Gesellschaft, der 1923 in Schaab (Sudetenland) geboren wurde.

Zwischen 1946 und 1951 studierte der Preisträger an der Universität Greifswald Medizin. Anschließend trat er in das Institut für Medizin und Biologie der Deutschen Akademie der Wissenschaften (DAW) in Berlin-Buch ein. 1952 promovierte er an der Humboldt-Universität Berlin, sechs Jahre später lieferte er seine Habilitationschrift ab. Von 1960 bis 1967 war er Direktor eines Krebsforschungsinstituts der DAW in Potsdam-Rehbrüke und - nach seiner Flucht aus der DDR - von 1968 bis 1989 Leiter der Forschungsstelle für Präventive Onkologie der Universität Heidelberg in Mannheim.

Mehr als 500 Zeitschriftenpublikationen vor allem über Krebs, Rauchen und die Grundlagen der kybernetischen Evolution und unzählige Leserbriefe und Stellungnahmen zum Themenbereich Rauchen/Passivrauchen/Nichtraucherschutz gehen auf sein Konto. Er verfaßte mehrere Bücher über Krebs, darunter die erste deutschsprachige Monographie über die Virustheorie der Krebsentstehung; außerdem 1984 ein Buch über die Methoden der Raucherentwöhnung.

1983 kam Schmidt zu der Schlußfolgerung, daß "nach dem bisher vorliegenden Material das Rauchen, insbesondere das Zigarettenrauchen, die wichtigste ursächliche Einzelnoxe der häufigsten Typen des Lungenkarzinoms darstellt." Der Preisträger weiß, wovon er spricht; er hat selbst im Labor bei einer ganzen Reihe von Tierversuchen das durch Rauchen hervorgerufene Krebselend kennengelernt. Darauf fußt auch das Engagement des Krebsexperten Schmidt gegen das Rauchen.

Bis 1990 leitete Schmidt den Ärztlichen Arbeitskreis Rauchen und Gesundheit (ÄARG), den er 1971 gründete. 1974 organisierte er den 1. Deutschen Nichtraucher-Kongreß in Bad Neuenahr; der Kongreß verabschiedete angesichts der von der Bundesregierung geschätzten Zahl von 140.000 Toten und 100.000 Frühinvaliden durch Rauchen ein Notstandsprogramm gegen den Zigarettentod.

Schmidt hat das Passivrauchen als gesundheitliche Schädigung wirkungsvoll im öffentlichen Bewußtsein verankert - gegen viel Widerstände von allen Seiten, die am Rauchen profitieren.

Schmidt hat vielen leidgeprüften Passivrauchern dadurch geholfen, daß er ihnen schriftliche Informationen in die Hand gab, mit denen sie mehr Nichtraucherschutz durchsetzen konnten.

Schmidt half den ersten Nichtraucherschutzprozeß zu führen und zu gewinnen, indem der ÄARG dem Kläger Rechtsschutz gewährte. Ein Zahnarzt wollte nicht bei den pflichtgemäßen Fortbildungsveranstaltungen zum Passivrauchen gezwungen werden.

Unter Schmidts Vorsitz übernahm der ÄARG auch in einer ganzen Reihe anderer Fälle den Rechtsschutz und trug erheblich dazu bei, daß das Recht auf Nichtraucherschutz am Arbeitsplatz inzwischen zumindest juristisch anerkannt ist. Dabei sind vor allem die beiden Prozesse des Bonner Stadtamtmannes Klaus Goldbecker zu nennen, die jeweils erst in der letzten Instanz, dem Bundesverwaltungsgericht, gewonnen wurden.

Schmidt initiierte eine Unterschriftensammlung des ÄARG gemeinsam mit den Nichtraucher-Initiativen Anfang der 80er Jahre für einen gesetzlichen Nichtraucherschutz am Arbeitsplatz, öffentlichen Einrichtungen usw. Ergebnis: rund eine Viertelmillion Unterschriften.

Die Einstellung der Gesellschaft zum Rauchen und zum Nichtraucherschutz hat sich dank Schmidts Wirken erheblich gewandelt. Die rauchfreien Inlandsflüge der Lufthansa sind nur ein kleines Beispiel dafür. Weitaus schwerer wiegen die Erfolge beim Kampf um den Nichtraucherschutz am Arbeitsplatz. Millionen Menschen wissen gar nicht, daß sie ihren rauchfreien Arbeitsplatz in erheblichem Maß Ferdinand Schmidt zu verdanken haben. Durch die von ihm unterstützten Verwaltungsgerichtsprozesse hat sich zumindest im Öffentlichen Dienst das Vetorecht durchgesetzt. Doch auch manche Betriebsvereinbarungen im privatwirtschaftlichen Bereich, z.B. bei der Berliner Bank oder bei bestimmten Niederlassungen des Siemenskonzerns, sind letztlich auf den unermüdlichen Einsatz Schmidts zurückzuführen.

Nahe Mitstreiter im ÄARG sind der Rechtsanwalt Adolf Wischnath und der Chemiker und Laborarzt Prof. Dr. Friedrich Portheine. Wischnath setzte sich engagiert für die Rechte der Nichtraucher bei Gericht ein und beendete fast alle Prozesse zumindest in letzter Instanz erfolgreich. Er beriet Schmidt juristisch. Portheine unterstützte Schmidt bei der Gründung des ÄARG und war viele Jahre lang Stellvertretender Vorsitzender.

Recht bald erkannte Schmidt, daß der Kampf gegen das Rauchen, sollte er denn Erfolg haben, nicht der eines einzelnen Mannes oder eines zentral agierenden Vereins sein kann. Er erstellte aufgrund seiner und der Erfahrungen einiger anderer Mitstreiter Tips

für die Gründung von lokalen und regionalen Nichtraucher-Initiativen, und die Praxis zeigte, daß dies ein weiser Entschluß gewesen ist. Es dauerte nicht lang, bis er von den Nichtraucher-Initiativen immer mehr als eine Art Vater angesehen wurde, an den man sich stets wenden konnte, nicht nur, um von seinem umfangreichen Wissensschatz zu profitieren, sondern auch, wenn man einen Schlichter im Streit vor Ort brauchte.

Schmidt hielt für seine bisherigen und die potentiellen neuen Mitstreiter immer eine Fülle von Druckschriften bereit. Durch sie konnte man sich nicht nur selbst informieren, mit ihnen konnte man auch andere geplagte Passivraucher zu mehr Widerstand gegen das aufgezwungene Mitrauchen bewegen oder bei der Durchsetzung von Nichtraucherschutz unterstützen. Schmidt lieferte nicht nur die wissenschaftlichen Argumente, sondern auch viele rechtliche, politische und soziale.

Immer wieder mußten er und andere verantwortungsbewußte Wissenschaftler gegen Wissenschaftler ankämpfen, deren einziges Interesse darin bestand, für Geld der Tabakindustrie Resultate zu produzieren, die die Gesundheitsschädlichkeit des Rauchens und später auch des Passivrauchens verharmlosten oder in Zweifel zogen. Hier galten Schmidts Anstrengungen vor allem der Aufdekung der Manipulationen des vom Verband der Cigarettenindustrie finanzierten Forschungsrates Rauchen und Gesundheit. Schmidt ist die Aufdekung dieses Sumpfes der Korruption zu verdanken, und er hat damit viel dazu beigetragen, das Ausmaß der Verdummung der Öffentlichkeit gering zu halten.

Mitte der Siebziger Jahre erhielt der Verein zur Förderung des deutschen Tabakwareneinzelhandels auf Anzeige des ÄARG hin wegen der im Stile einer Boulevardzeitung aufgemachten Werbeschrift "Raucherdepesche", die kostenlos in einer Auflage von einer Million verteilt und in der z.B. Passivrauchen zu einem "Märchen" erklärt wurde, eine Geldbuße in Höhe von 20.000 Mark. Zusätzlich erging gegen den Vorsitzenden dieses Vereins ein Bußgeldbescheid in Höhe von 5.000 Mark.

Die Illustrierte Quick erhielt wegen ihrer skandalösen "Dokumentation Zigaretten" und die "Welt am Sonntag" wegen des Artikels "Seit viel mehr geraucht wird, leben die Menschen auch länger" auf Anregung des ÄARG hin eine öffentliche Rüge durch den deutschen Presserat.

Seine Gegner von der Tabakindustrie versetzten Schmidt Anfang der 80er Jahre einen Nadelstich, indem sie gerichtlich erreichten, daß sich der ÄARG in einen ärztlichen und in einen Förderverein des ärztlichen Vereins spalten mußte. Das hatte zur Folge, daß bei den Mitgliederversammlungen zusätzlich ein paar Minuten bei der Wahl des Vorstands aufgebracht werden mußten. Die eigentliche Arbeit konnte jedoch erfreulicherweise ungehindert weitergehen.

Wenn Falschmeldungen in Presse berichtigt, wenn Leserbriefe geschrieben, wenn Interviews gegeben werden mußten: Schmidt war zur Stelle. Dabei waren seine damaligen Möglichkeiten alles andere als ideal. Damals standen ihm keine Computer mit der Fähigkeit, Daten zu speichern zur Verfügung. Alles mußte neu geschrieben werden. Dank der Fähigkeit Schmidts, auch umfangreiche Gedankengänge ohne den Faden zu verlieren in die Schreibmaschine zu diktieren und einer hervorragenden Sekretärin gelang es ihm, die Übermacht der Tabaklobby einigermaßen nicht nur in Schach zu halten, sondern ihr auch hin und wieder eine Niederlage zu bereiten. Daß Schmidt aber auch immer wieder Rückschläge einstecken mußte, das ließ sich bei dieser Gegnerschaft nicht vermeiden. Doch konnten die Rückschläge ihn nicht beirren. Er fühlte sich, und er war auf dem richtigen Weg. Wir alle sind ihm zu großem Dank verpfichtet.

In seiner Dankesrede äußerte der Preisträger u.a. Kritik an den Politikern und fragte, was denn alles noch passieren müsse, bis sich der Bundestag zu einem gesetzlichen Nichtraucherschutz entschließt. Den Nichtraucher-Initiativen bescheinigte Schmidt, daß sie auf dem richtigen Weg seien: "Früher oder später wird es eine rauchfreie Gesellschaft geben". Auf dem Weg dahin, müßten nun die Jüngeren den Staffelstab übernehmen.


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