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Tabakindustrie zahlte Fachbeiträge

Mit dieser Überschrift versah die Süddeutsche Zeitung (SZ) am 1. September 1998 einen Beitrag in ihrem wissenschaftlichen Teil. Mehrere Wissenschaftler hatten nämlich Leserbriefe an renommierte Fachzeitschriften geschrieben und darin Kritik an dort veröffentlichten Studien über gesundheitsschädigende Wirkungen des Passivrauchens geübt. Dafür kassierten sie von der Tabakindustrie bis zu 10.000 Dollar Honorar, so ein Bericht in der Fachzeitschrift Science, Bd. 281, S. 895, 1998.

Auch in Deutschland, heißt es in der SZ weiter, sei erneut eine zumindest fragwürdige Publikation aufgetaucht. In einer Beilage der Münchner Medizinischen Wochenschrift (MWW) mit dem Titel "Freiheit und Verantwortung - diskutiert am Beispiel des Passivrauchens" kritisiert der Münchner Epidemiologe Karl Überla Studien, die das Passivrauchen als gesundheitsschädlich darstellen. Bezahlt wurde diese "Sonderveröffentlichung" vom Peutinger Collegium. Dieser Einrichtung, zitiert die SZ den Mediziner Friedrich Wiebel vom Ärztlichen Arbeitskreis Rauchen und Gesundheit, sei in der Vergangenheit bereits eine gewisse Nähe zur Zigarettenindustrie nachgesagt worden.

Wissenschaftliche Kritik

Am 9. September veröffentlichte die SZ einen Leserbrief von Reinhold Manhart, Redaktionsleiter der MMW. Darin wirft er Friedrich Wiebel vor, die Einladung, bei der "Peutinger-Veranstaltung" als Vortragender seinen Standpunkt darzustellen, abgelehnt zu haben. Außerdem rügte er, daß Wiebel statt mit wissenschaftlich fundierter Kritik, mit Verdächtigungen und Polemik geantwortet hätte. Es gehöre zum Wesen der Wissenschaft, Aussagen kritisch zu prüfen, und es sei nicht einzusehen, warum bei Studien zum Thema Passivrauchen von diesem Prinzip abgewichen werden soll.

Tabakindustrie lenkt

Warum er seine Teilnahme an der Veranstaltung des Peutinger-Collegiums abgelehnt hat, verdeutlicht Friedrich Wiebel in seinem Leserbrief in der SZ vom 18.9.98:

"Unter dem Deckmantel wohlklingender Namen veranstaltet die Tabakindustrie seit Jahren Symposien, Foren oder Expertengespräche, deren einziger Zweck darin besteht, die Gesundheitsgefahren des Passivrauchens als 'umstritten' darzustellen. Um derartigen Veranstaltungen den Anstrich einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu geben, werden neben den industriefreundlichen Sprechern ein oder zwei Wisssenschaftler eingeladen, die der Tabakindustrie kritisch gegenüberstehen. Die Ergebnisse der Veranstaltung werden dann unter dem Motto 'Wissenschaft im Streit über die Gesundheitsgefahren des Passivrauchens' in der Presse und in medizinisch-wissenschaftlichen Zeitschriften verbreitet. Genau diesem Muster folgt das vom Peutinger-Collegium bzw. seinem kommerziellen Arm, dem Peutinger-Institut, organisierte Expertengespräch.

Die lenkende Hand der Tabakindustrie ist bei genauerem Hinsehen deutlich auszumachen. Das Peutinger-Institut wird seit seinem Bestehen von Prof. Dr. Giovanni Battista Gori, Washington D.C., USA, geführt. Bei Gori handelt es sich um einen der prominentesten 'Berater' der US-Tabakindustrie. Er ist bekannt dafür, daß er die Tabakindustrie bei öffentlichen Anhörungen als Experte vertritt und in deren Auftrag wissenschaftliche Zuschriften verfaßt. Wie die weltweit angesehenen Zeitschriften Science und Nature im August 1998 berichteten, hat Gori in den Jahren 1992/93 für die Abfassung von fünf Zuschriften an Fachblätter und Tageszeitungen, z.B. The Journal of the National Cancer Institut und The Wall Street Journal, über 20.000 Dollar erhalten. Vor diesem Hintergrund ist auch nicht erstaunlich, daß eines der beiden Forschungsprojekte, die vom Peutinger-Institut durchgeführt wurden, sich mit der Unschädlichkeit des Tabakrauchs in Beagle-Hunden beschäftigt. Diese Studie wurde von dem Zigarettenkonzern Reemtsma, Hamburg, in Auftrag gegeben.

Es ist beschämend, daß eine deutsche ärztliche Zeitschrift, wie das Münchner Medizinische Wochenblatt, dem Mißbrauch der Wissenschaft durch die Tabakindustrie derartig bedenkenlos Vorschub leistet und ausgerechnet dem Industriezweig zu Munde redet, dessen Produkte in Deutschland jährlich mehr als 100.000 Menschen vorzeitig zu Tode bringen."

Fall für den Staatsanwalt

Auch NID-Vizepräsident Ernst-Günther Krause informiert die Leser in der gleichen Ausgabe der SZ über den Einfluß der Tabakindustrie:

"Zum Wesen der Wissenschaft gehört es, Aussagen kritisch zu prüfen. Da stimme ich mit dem MMW-Redaktionsleiter Reinhold Manhart völlig überein. Doch nicht jede Veranstaltung mit Kritik an Studien ist wissenschaftlich. So auch das Kolloquium des Peutinger-Collegiums über Passivrauchstudien. Wer schon durch die Auswahl der Referenten verdeutlicht, welches öffentlichkeitswirksame Ergebnis erzielt werden soll, schiebt wissenschaftliche Objektivität nur vor.

Konkret: Das Peutinger-Collegium hatte die winzige Minderheit der Wissenschaftler, die sich kritisch über die Passivrauchstudien geäußert haben, bei einer Veranstaltung so konzentriert, daß sie die eindeutige Mehrheit der Vortragenden ausmachen. Es hatte also etwas anderes im Sinn als eine wissenschaftlich begründete kritische Diskussion. Daß sich ein Wissenschaftler wie der Toxikologe Friedrich Wiebel in diesem Fall nicht als Feigenblatt hergeben will, ist daher nur allzu verständlich. Einziger Zweck der Peutinger-Veranstaltung war es nämlich, die Schlagzeile zu produzieren: 'Wissenschaftler bezweifeln - mehrheitlich - die Gesundheitsschädlichkeit des Passivrauchens'.

Was den Münchner Epidemiologen Karl Überla betrifft, so scheint der Redaktionsleitung der Münchner Medizinischen Wochenschrift wohl nicht bekannt zu sein, daß es sich bei diesem um den ehemaligen Präsidenten des Bundesgesundheitsamtes handelt, der vorzeitig aus seinem Amt ausscheiden mußte, weil er gegen Honorar Vorträge für verschiedene Industriezweige gehalten hatte, darunter auch die Tabakindustrie. Die Zeitschrift stern betitelte einen entsprechenden Bericht mit 'Ein Fall für den Staatsanwalt'. Im Untertitel hieß es: "Der Chef des Bundesgesundheitsamtes zensierte einen Arbeitsbericht über Passivrauchen ganz im Sinne der Zigarettenindustrie".

Mir liegen Schreiben von Karl Überla vor, in denen er der Forschungsgesellschaft Rauchen und Gesundheit anbietet, bestimmte Studien zum Thema Rauchen/Passivrauchen durchzuführen, die schon durch die Anlage erkennen lassen, zu welchem Ergebnis sie kommen sollen. Bei der Forschungsgesellschaft Rauchen und Gesundheit handelt es sich um eine vom Verband der Cigarettenindustrie geschaffene und finanzierte Mittelvergabeeinrichtung."

Weitere Hintergrundinformation

Nachfolgeorganisation der aufgelösten Forschungsgesellschaft Rauchen und Gesundheit ist die Stiftung Verum. Auch sie wurde vom Verband der Cigarettenindustrie gegründet. Ihr stehen jährlich siebenstellige Beträge zur Verteilung zur Verfügung. Der Stiftungsvorstand ist fast komplett mit dem Verteilungsorgan der Forschungsgesellschaft, dem Forschungsrat, identisch. Auch die Geschäftsführung hat die gleiche Person: Prof. Dr. Franz Adlkofer, leitender Angestellter des Verbandes der Cigarettenindustrie.

Kommentar: Eigentlich gehörten all jene, die für Geld auf Kosten der Gesundheit und des Lebens von Millionen Menschen wissenschaftlich manipulieren, hinter Schloß und Riegel. Und selbstverständlich auch die Auftraggeber, die Herren (weibliche Tabakmanager sind mir nicht bekannt), die, jegliche ethische Normen auf den Kopf stellend, von ihren Schreibtischen aus handeln und in gleicher Weise für den Tod von unzähligen Menschen verantwortlich sind. EGK


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