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Die Organisation der Forschungsförderung

Der Anlaß und das Ziel

Die Vertreter der deutschen Zigarettenindustrie sahen schon recht früh, daß es jenseits der Konkurrenzkämpfe der Marken untereinander eine gemeinsame Gefahr für den Absatz gab: die mit den Jahren in der Öffentlichkeit zunehmend geführte Diskussion über die Gesundheitsgefahren des Rauchens. In einem frühen Text (11/1975) wird noch beanstandet, daß sich jede Firma nur für ihren eigenen Marktanteil, nicht aber für eine gemeinsame Industriepolitik interessiert. Es wird befürchtet (8/1974), daß das neue deutsche Nahrungsmittelgesetz, wenn es streng angewendet wird, zu einem Werbeverbot für Tabak und der Verpflichtung zu Aufklärungsprogrammen führen könnte. Die Industrie braucht, so heißt es weiter, wissenschaftliches Material über das Rauchen, um sich dagegen wehren zu können. In einem anderen Text (1/1992) liest man: Obwohl die Gefahr von Schadensersatzprozessen gegen die Tabakindustrie in Deutschland nicht sehr groß erscheint, sollte die Forschung um das Thema Rauchen unterstützt werden, weil man dann gegebenenfalls vor Gericht wenigstens argumentieren könne, man habe seine Pflicht zur Forschung erfüllt.

Die Befürchtungen der Zigarettenfirmen führten schließlich dazu, daß eine von allen Firmen finanziell getragene Institution zur koordinierten Vergabe von Geldmitteln für Forschungsprojekte zum Thema Rauchen gegründet wurde. Diese Institution hatte über die Jahre unterschiedliche Formen und wechselnde Namen. Denn wegen des schon erwähnten Interessenkonflikts zwischen Geschäft und Wissenschaftlichkeit geriet diese Institution immer wieder unter Beschuß der Öffentlichkeit, und dagegen half manchmal nur noch die Auflösung und Neugründung unter anderem Namen. Um den Leser nicht mit Formalismen zu langweilen und auch weil aus den vorliegenden Texten oft nicht klar hervorgeht, welche gerade aktuelle Form der gemeinsamen Institution gemeint ist, wird sie nachfolgend einheitlich abgekürzt als FdZ (Forschungsrat der deutschen Zigarettenindustrie) bezeichnet.

In einem Text (12/1975) wird als Aufgabe des FdZ angegeben, der deutschen Industrie zu empfehlen, welche Forschungsprojekte unterstützt werden sollen. Ein anderer Text (37/1979) nennt als Aufgabe des FdZ statistische Analysen zum Zigarettenverbrauch, Öffentlichkeitsarbeit, Reaktion auf Angriffe, Veröffentlichungen und Filme für die Öffentlichkeit und die Gesundheitsberufe. Es sollen, so heißt es weiter, die Gesundheitsrisiken des Rauchens zusammen mit den Risiken anderer Ursachen in eine Reihe gestellt werden, dabei soll positiv und nicht offensiv vorgegangen werden, und man solle die soziale Akzeptanz für das Rauchen aufrechterhalten.

Die Arbeitsweise

Nach einer kurzen Phase, in der die gemeinsame Forschung der Zigarettenindustrie in einem eigenen Labor durchgeführt wurde, beschränkte man sich im FdZ darauf, Geldmittel an externe Institutionen und Wissenschaftler zu vergeben. Die Vergabe von Geldmitteln erfolgte auf zwei verschiedene Arten (46/1979): Entweder bewarben sich Wissenschaftler von Universitäten und Forschungsinstituten mit eigenen Themen um Förderung durch den FdZ, oder der FdZ legte Forschungsthemen selbst fest und suchte für die Durchführung geeignete Wissenschaftler. Der FdZ war im wesentlichen ein Gremium von Personen, das die Bewerbungen um Fördermittel beurteilte und die Suche geeigneter Wissenschaftler für vorgegebene Themen durchführte.

Da die Firmen, die die Geldmittel für den FdZ bereitstellten, auf dem Markt miteinander konkurrierten, wollten sie sich gewisse Forschungsthemen, mit deren Hilfe sie Marktvorteile zu erringen hofften, für ihre eigene Forschung vorbehalten. Auch hatten die Firmen unterschiedliche Vorstellungen davon, welche Forschungsprojekte der Sache des Rauchens förderlich wären. Die Firmen waren deshalb daran interessiert, die Vergabepolitik des FdZ mitzubestimmen. Es wurde daher nach der Registrierung eines geplanten Forschungsprojekts den einzelnen Firmen während einer festgelegten Zeitspanne die Gelegenheit gegeben, Stellung zu dem Vorhaben zu nehmen. Diese Zeit betrug zunächst 3 Monate (35/1978), später 6 Monate (69/1980). Jede Firma konnte Bedenken gegen einzelne Projekte vorbringen und ihren finanziellen Beitrag dazu sperren (46/1979). Fast jede Studie wurde von irgendeiner Seite kritisiert (70/1980).

Beim Lesen der Texte fällt auf, und das wird in einem Text (112/1982) auch direkt angesprochen, daß die Firma Reynolds viel häufiger als die anderen Mitgliedsfirmen des FdZ gegen Projekte Einspruch erhob. Reynolds ist ein internationaler Konzern mit Hauptsitz in den USA und einer Tochterfirma in Deutschland. Reynolds hatte extra eine spezielle Person dafür abgestellt, die Aktivitäten des FdZ zu beobachten und zu beeinflussen. In einem Text (127/1983) lesen wir als Grund für das häufige Veto von Reynolds, daß die Firma Konsistenz zwischen ihren Positionen in den USA und auswärts sucht und eben deswegen genauer hinsieht, während andere internationale Firmen ihren Tochterfirmen mehr Freiraum geben.

Wichtige Personen: Colby und Adlkofer

Die Namen von zwei Personen tauchen in den Texten besonders häufig auf, beide als Handelnde und der eine auch als immer wiederkehrender Verfasser von Texten. Der eine heißt Frank Gerhardt Colby. Er wurde 1915 in Deutschland geboren, ging 1946 in die USA und führte dort verschiedene wissenschaftliche Aufgaben für die Zigarettenfirma Reynolds aus (3/1997). Weiter lesen wir (4/1997), daß Colby um 1982 bei Reynolds im wesentlichen die Aufgabe hatte, technische Gutachten für den Kampf der Firma gegen die Ansprüche der Rauchgegner zu liefern. Später wurde er von der Stammfirma nach Deutschland geschickt, um im Namen des Mutterkonzerns und der deutschen Tochterfirma beim FdZ für die schon erwähnte weltweite Konsistenz der Firmenpolitik zu sorgen.

Viele der vorliegenden Texte stammen von Colby. Colby zeigt sich darin als strammer Betonkopf, der konsequent alle Gesundheitsgefahren leugnet. Dabei ist es unklar, ob dies auf Ignoranz oder Opportunismus beruht. In einem Text (73/1980) wird er als Anhänger überholter Ansichten bezeichnet. Dagegen nennt ihn eine andere Textstelle (115/1982) "mehr Rechtsanwalt als Wissenschaftler" - das bedeutet wohl, daß er nur die ihm aufgetragene Sprachregelung seines Auftraggebers weitergibt. Schließlich erfahren wir (132/ 1983), daß im Jahre 1983 wegen der zunehmenden Zahl von Gerichtsprozessen gegen die Zigarettenindustrie in den USA dort interne Dokumente der Zigarettenindustrie in Rechtsanwaltskanzleien gebracht wurden, um sie dem Zugriff der Gerichte zu entziehen, darunter auch viele von Colby, und gleichzeitig Colbys bisherige Position bei Reynolds aufgelöst wurde. Er wurde dann bei einer für die Firma arbeitenden Rechtsanwaltskanzlei in den USA untergebracht.

Der zweite häufige Name ist Prof. Dr. med. Franz Adlkofer. Er war seit den frühen Jahren an führender Stelle des FdZ tätig. Danach scheint Adlkofer für den vorangehend charakterisierten Reynolds-Mann Colby das bevorzugte Objekt von Mißtrauen und Abneigung gewesen zu sein. In Hinblick auf den Charakter Adlkofers sagen Colby und andere, daß er in seiner Überzeugung schwankend ist und nicht immer für seine Meinung eintritt (21/1977), weiter daß er als Diskussionsleiter sich sehr autoritär verhält, Diskussionen abwürgt und Entscheidungen vermeidet (78/ 1981). Besonders kreidet Colby aber Adlkofer seine lasche Einstellung an, wenn es um die Leugnung der Gesundheitsgefahren durch das Rauchen geht. In einer Beurteilung (63/1980) von Adlkofer durch Colby lesen wir, daß er hinsichtlich des Rauchens Risikofaktoren für mehr oder weniger synonym mit Verursachung von Krankheiten hält, daß er im großen und ganzen Rauchen als eine Ursache von Lungenkrebs und Herzkrankheiten ansieht und daß er Zigaretten mit weniger Nikotin und Teer als weniger schädlich einschätzt.

Weitere Textstellen über Adlkofer: Er meint, daß 90 Prozent der Berufsmediziner den gegen das Rauchen gerichteten Veröffentlichungen Glauben schenken (78/1981); Adlkofer gibt im FdZ die Aussage von sich, daß Rauchen neben anderen Faktoren die wichtigste Ursache für Lungenkrebs ist, und Colby kritisiert ihn dafür heftig (80/1981); Adlkofer akzeptiert die japanische Studie über die Schädlichkeit des Passivrauchens (allerdings nur intern; gegenüber der Öffentlichkeit bewertet er sie als untauglich) und hält die negative Analyse der FdZ-Forschung für unkorrekt und gegen besseres Wissen erstellt (90/ 1981); Adlkofers Hauptziel ist die Forschung für die "entschärfte" Zigarette - womit man ja irgendwie zugibt, daß da etwas "scharf" ist (116/1982); Adlkofer glaubt, daß Rauchen mehrere hunderttausend Menschen im Jahr tötet und daß es seine Aufgabe ist, diese Zahl wesentlich zu senken (126/1983); Adlkofer hält es für wünschenswert, im Labor mehr über die Wirkung von Nikotin auf Krebs bei Tieren zu erfahren (35/1978).

Wenn sich Adlkofer auch in gewisser Weise positiv von dem Betonkopf Colby abhebt, so besteht trotzdem Grund zu erheblicher Kritik. Auch er streitet für eine schlechte Sache, wenn auch nicht immer so plump wie Colby. Beim Lesen der Texte entsteht der Eindruck, daß Colby und Adlkofer sehr unterschiedliche Ziele verfolgen und beide versuchen, ihre Vorstellungen mit allen Mitteln durchzusetzen. So wird einmal beanstandet (115/1982), daß vorwiegend Adlkofer allein und nicht alle Mitglieder des FdZ Ziele und Richtung der Forschungsförderung bestimmen, an anderer Stelle (130/1983) wird beklagt, daß der FdZ mehrmals die normalen Beratungswege, über die die einzelnen Zigarettenfirmen eine Mitwirkungsmöglichkeit haben, umgangen hat. Wie sehr Colby sich durch Adlkofer behindert fühlt, zeigt sich daran (110/1982), daß er schließlich für die Auflösung von Adlkofers Position als wissenschaftlicher Direktor des FdZ eintritt und an deren Stelle die Einrichtung einer komplexen Hierarchie vorschlägt.

Auch über die anderen Mitglieder des FdZ sind die Meinungen geteilt. Einmal hat Colby Bedenken gegen mehrere in den FdZ aufzunehmende Personen, besonders gegen Prof. G. Schettler, bei dem es sich um einen entschiedenen Tabakgegner handele, der Forschungsergebnisse als Argumente gegen das Rauchen interpretiert (19/1977). Dann beanstandet Colby an mehreren Kandidaten für den FdZ, daß es sich um persönliche Freunde Adlkofers handele (46/1979). Teilweise wurde der Streit sogar vor der Öffentlichkeit ausgetragen, wie man in einem der Texte (68/ 1980) lesen kann. Es geht dabei um ein wissenschaftliches Treffen des FdZ, bei dem auch Angehörige des Bundesgesundheitsministerium anwesend waren.

Die Vorträge enthielten offensichtlich so negative Aussagen gegen das Rauchen, daß bei der anschließenden Diskussion ein Vertreter der Zigarettenindustrie stumm blieb und ein anderer den Raum verließ. Der Schreiber verdächtigt die Veranstalter, den Ablauf absichtlich so negativ geplant zu haben, um den Gästen die Zigarettenindustrie als verantwortlich vorzuführen und sie zum Handeln zu zwingen und um sich selbst, also den FdZ, als Retter zu profilieren.

Probleme bei den Forschungsprojekten

Interessenkonflikte

Aus den vorliegenden Texten geht hervor, daß die Forschungsförderung der Zigarettenindustrie nicht dem reinen Wissensdrang dient und auch nicht die Gesundheitsgefahren des Rauchens klären soll. Wesentlich mehr als für die Gesundheitsgefahren interessieren sich die Personen der FdZ-Szene für die Gefahren, die sich durch das Bekanntwerden von Forschungsergebnissen für das Zigarettengeschäft ergeben - und die Überlegungen darüber nehmen deshalb in den Texten einen breiten Raum ein. Ein anderes Problem des FdZ ist das der Glaubwürdigkeit der Untersuchungsergebnisse; denn die Nähe zur Zigarettenindustrie macht die Forschung natürlich verdächtig. Im FdZ versucht man die Probleme durch sorgfältige Filterung im Sinne der Zigarettenindustrie in den Griff zu bekommen, und zwar bei der Auswahl der Forschungsthemen und bei der Auswahl der Wissenschaftler.

Die Probleme der Zigarettenindustrie mit der Forschung lassen sich an mehreren Texten erkennen. Da wird (35/ 1978) über die "Gefahr der Nikotinforschung aus der Sicht der Industrie" diskutiert, und es wird eine Veranstaltung erwähnt, die sich fast ausschließlich mit den "gesetzlichen Gefahren des Konzepts der nikotinorientierten Forschung" des FdZ befaßte. In einem anderen Text (45/1979) sagt Colby, daß die gegenwärtigen Forschungsprojekte des FdZ schädlich für die Industrie sind.

Filterung der Themen

Daß der FdZ bei der Wahl der Forschungsthemen eine sorgfältige Filterung im Interesse möglichst geringer nachteiliger Folgen für das Geschäft vornimmt, geht aus zahlreichen Texten hervor. Oft wird das Forschungsergebnis so vorgegeben, wie es sich die Zigarettenindustrie wünscht, und dazu wird dann das passende Thema gesucht. Hier einige Beispiele, die diese Denkweise verdeutlichen: Es wird gewarnt vor Tierversuchen mit Inhalation zum Thema Nikotin, da negative Ergebnisse "von unseren Gegnern verwendet werden könnten" (16/1977). Die Förderung eines Forschungsprojekts zu Blasenkrebs wird auf Wunsch der Firma Reynolds eingestellt (21/1977). Colby legt Widerspruch gegen die Forschung zum Passivrauchen ein, da das Ergebnis gegen die Zigarettenindustrie verwendet werden könnte (22/1978). Colby findet eine vom FdZ geplante Veröffentlichung politisch ungünstig (41/1979). Colby ist gegen die Erforschung des Suchtcharakters von Nikotin, stattdessen schlägt er vor, Experten ein Positionspapier schreiben zu lassen, das den Suchtcharakter von Nikotin widerlegt (84/1981). Colby tritt gegen Inhalationsversuche mit Ratten und Hamstern ein, weil er dadurch die Entlastung des Nikotins und die Beschuldigung des Kondensats befürchtet (85/1981). Colby hält die Verwendung von Hamstern bei Versuchen zum Passivrauchen für günstig, da Hamster in Versuchen keinen Lungenkrebs entwickelten (108/1982). Colby ist gegen eine Studie über den Zusammenhang von Passivrauchen und Lungenkrebs, weil sie zu ähnlich ungünstigen Ergebnissen wie eine vorhandene japanische Studie führen könnte (114/1982). Der von Adlkofer geforderte Schwellenwert für Gefahrenstoffe wird massiv abgelehnt, weil durch das Setzen eines Schwellenwerts das Rauchen als Krebsursache anerkannt würde (139/ 1988). Es wird die Meinung vertreten, daß Passivrauchen als Ursache für Lungenkrebs nicht bewiesen ist, dies sollte zur Weiterführung der Forschung in diesem Bereich ermutigen (140/ 1989).

Manchmal klappt die Filterung allerdings nicht ganz so, wie es sich der FdZ wünscht. So mußte man zum Beispiel einen ungünstigen Bericht veröffentlichen, weil eine deutsche Gesundheitsbehörde daran beteiligt war und eine Unterdrückung daher schlecht möglich gewesen wäre (55/ 1979).

Verständlicherweise hätte der FdZ gern Geldmittel für positive Aussagen zum Rauchen bereitgestellt. So wird allgemein empfohlen, die Vorteile des Rauchens zu erforschen (77/1981). Daß es da aber an Themen mangelt, zeigt einer der Texte (70/1980). Darin wird über eine Anzahl von Studien gesagt, daß gegen fast alle Bedenken bestehen, weil sie gegen die Interessen der Zigarettenindustrie sind. Nur eine Untersuchung findet Gnade, und die liefert die Erkenntnis, daß Raucher mehr Sperma erzeugen als Nichtraucher. Ob das aber zur Entlastung der Zigarette reicht?

Wenn der FdZ sich zwar für ein Forschungsthema interessierte, die zu erwartenden Ergebnisse aber als geschäftsschädigend vermutet wurden, ließ er das Projekt streng vertraulich in einem Labor der Zigarettenindustrie durchführen (83/1981). Dabei fürchtete man aber ständig die Aufdeckung durch Enthüllungsjournalisten (37/ 1979).

Filterung der Wissenschaftler

Nachdem man das Forschungsthema entschärft hatte, bestand für den FdZ immer noch die Unsicherheit, was die

Wissenschaftler daraus machen würden. Hiergegen versuchte man sich durch sorgfältige Auswahl der Personen abzusichern. Colby beanstandete, daß diesem Gesichtspunkt nicht die erforderliche Bedeutung zugemessen würde. Er merkt zum Beispiel zu einem geplanten Forschungsvorhaben an, daß die Wissenschaftler vorwiegend gegen das Rauchen eingestellt sind, was die deutsche Tabakindustrie in Schwierigkeiten bringen könnte (49/1979). Oder er kritisiert die Zusammenarbeit des FdZ mit Wissenschaftlern, die dem Rauchen feindlich gegenüberstehen. Dagegen wird Colby in einem Text (43/ 1979) gerühmt, als erster eine Methode zum Rekrutieren "freundlicher" Wissenschaftler durch sorgfältige Auswahl gefunden zu haben. Und so kann Colby in einem Brief seine Sympathie für einen gleichgesinnten Professor zum Ausdruck bringen und von dessen seit Jahren bestehender "aufgeschlossener Einstellung zum Rauchen" schwärmen.

Auch in Bezug auf die Wissenschaftler lief nicht alles wie vom FdZ gewünscht. Ausgerechnet Prof. Schettler aus Heidelberg, der durch das FdZ zweitstärkst geförderte Wissenschaftler, äußerte sich in einem Interview mit der Illustrierten Quick in dem Sinne, daß Rauchen der wichtigste Risikofaktor für Kreislauferkrankungen ist und Filterzigaretten eher unsicherer als filterlose Zigaretten sind (34/1978).

Öffentlichkeitsarbeit

Beeinflussung der öffentlichen Meinung

Der wichtigste Zielbereich für die Beschwichtigungspolitik der Zigarettenindustrie ist die öffentliche Meinung, denn hier entscheidet sich auf längere Sicht ihr wissenschaftliches Schicksal. Dementsprechend befassen sich auch viele Texte mit der Beeinflussung der öffentlichen Meinung.

Am Anfang stand die Sprachlosigkeit der Zigarettenindustrie. So heißt es in einem frühen Text (10/1975), daß in Deutschland die Angriffe auf die Zigarettenindustrie zunehmen, unterstützt vom Gesundheitsministerium, und die Zigarettenindustrie nicht in der Lage ist zu reagieren. Es wird die Herausgabe eines regelmäßigen Informationsblattes vorgeschlagen, um die Medien, Gesundheitsbehörden usw. zu beeinflussen. Die Argumentation mit dem Gesundheitsrisiko des Passivrauchens wird als "äußerst effektive Waffe in den Händen der tabakfeindlichen Kräfte" gesehen. In einem anderen Text (11/ 1975) wird beanstandet, daß die deutsche Zigarettenindustrie auf das Aktivwerden der Antitabakbewegung in Europa nicht reagiert hat. Es drohten "Zerstörung der Tabakindustrie und Rauchverbote". In einem Text (12/1975) liest man, daß in der Zigarettenindustrie allgemein Öffentlichkeitsarbeit für erforderlich gehalten wird. Man solle damit gegen die Angabe der Regierung angehen, daß Rauchen in Deutschland jährlich 140.000 Tote und 20 Milliarden DM soziale Folgekosten verursacht. Man ist beunruhigt über die Möglichkeit eines Rauchverbots am Arbeitsplatz.

Und so kommt die Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch die Zigarettenindustrie langsam in Gang. In einem Text (30/1978) erfahren wir, daß der FdZ im Namen eines ihm nahestehenden Wissenschaftlers einen Leserbrief schreiben ließ als Antwort auf ein kurz vorher erschienenes Papier über Passivrauchen. Ein anderer Text (60/ 1980) schildert, daß eine deutsche Krankenkasse die Ansicht verbreitet hat, daß Zigarettenrauchen die Ursache von Krankheiten sein kann, die Zigarettenwerbung Jugendliche zum Rauchen verführt und Raucher über die gesundheitlichen Gefahren des Rauchens ungenügend informiert sind. Der FdZ ließ eine ihm nahestehende Person dazu Stellung nehmen und alles bestreiten. Wir können weiter sehen, daß die Zigarettenindustrie sehr bemüht war, in ihren Veröffentlichungen alle kritischen Stellen auszumerzen. So heißt es in einem Text (65/1980), daß nun eine Broschüre des FdZ über Tabak ohne riskante Stellen fertig ist. Der Schreiber fordert jedoch noch einen Kollegen zusätzlich zu einer kritischen Durchsicht auf, um doch noch eventuell versteckte heikle Dinge aufzuspüren.

Da sich die Öffentlichkeit relativ leicht durch anerkannte Wissenschaftler beeindrucken läßt, war der Wissenschaftsbereich ein wichtiges Einsatzfeld des FdZ. In einem Text (56/1979) werden Überlegungen über ein geplantes wissenschaftliches Symposium angestellt. Es geht dabei speziell um die Teilnahme eines bestimmten WHO-Mitglieds, das zwar nicht ganz auf der Seite der Zigarettenindustrie steht, dessen Beiträge aber relativ gemäßigt sind, was die Glaubwürdigkeit des Symposiums erhöhen würde. Der Kompromiß des FdZ wird als "kontrollierte Kontroverse" bezeichnet. In einem Text (79/1981) wird die Diskussion zwischen Colby und Adlkofer über ein mögliches Symposium in Deutschland über Rauchen in der Öffentlichkeit wiedergegeben. Das Konzept besteht darin, bekannte Wissenschaftler einzuladen, die hinsichtlich der schädlichen Wirkung des Rauchens nicht allgemein auf der Seite der Zigarettenindustrie stehen, die aber andererseits mit ihr darin übereinstimmen, daß das Passivrauchen nicht als Krankheitsursache überführt ist. Die feingesponnene Taktik dabei: Man möchte grundsätzlich kritische Wissenschaftler, will sie aber gezielt für solche Themen einsetzen, zu denen sie zufällig eine zigarettenfreundliche Meinung haben. In einem Text (98/1981) heißt es über ein vom FdZ geplantes Symposium über Rauchen in der Öffentlichkeit, es solle unbedingt als eine geschlossene Veranstaltung nur auf Einladung stattfinden. Zweck wäre, Wissenschaftler zu überzeugen, daß es über das Rauchen in der Öffentlichkeit keine richtige Kontroverse gibt und alle Tatsachen für die Zigarettenindustrie sprechen. Neben der großen Linie vernachlässigte der FdZ auch nicht die persönliche Beeinflussung. So spricht Colby in einem Text (67/1980) von einem Professor, der Rauchen als wesentliche Ursache für Lungenkrebs vermutet, und den er besuchen will, um ihn möglichst umzudrehen oder ihn wenigstens dazu zu bringen, der Sache vor weiteren öffentlichen Äußerungen mehr Überlegung zu widmen.

Daß angesichts der erdrückenden Beweise für die Gesundheitsgefahren des Rauchens und des Gegenwindes aus der Öffentlichkeit die Vertreter der Zigarettenindustrie schon mal ab und zu Ratlosigkeit und Verzweiflung packen konnte, ist leicht nachzuvollziehen. In einem Text (78/1981) heißt es, daß angesichts der Antirauch- und Passivrauchsituation in Kreisen der Zigarettenindustrie Resignation und schwache Bereitschaft zu Offensivität herrscht.

Beeinflussung der Regierung

Wie sich aus den Texten ergibt, bestand in Deutschland zwischen der Zigarettenindustrie und der CDU/CSU-FDP-Regierung eine enge Beziehung. An zwei Stellen (1/1992, 145/1992) ist davon die Rede. Der Schreiber in den USA führt dort über die Zigarettenindustrie aus: Die Beziehung zwischen der Industrie und der deutschen Regierung scheint wesentlich besser zu sein als in den USA. Soweit ich weiß, gibt es regelmäßige Besprechungen zwischen Regierung und Industriewissenschaftlern, ebenso wie konstruktive Diskussionen über Gesetze und Regelungen, die sich auf das Rauchen beziehen. Die Industrie scheint mehr Einfluß auf die Regierung als in den USA zu haben. Deshalb hält es die Industrie für wichtig, Forschungsaktivitäten in wesentlichem Umfang aufrechtzuerhalten.

Auch hinsichtlich der Festsetzung von Vorschriften hat die Zigarettenindustrie einen heißen Draht zu den offiziellen Stellen. So sagt Colby in einem Text (95/1981): Ein Arbeitsplatzausschuß in Deutschland will Standards für eine Anzahl von Chemikalien setzen, die Lungenkrebs erzeugen könnten. Colby kennt den Ausschußvorsitzenden gut und weiß, daß der die Forderung nach Aufnahme von Tabakrauch in die Liste nicht unterstützt.

Einflußnahme auf Fluggesellschaften

Neben dem Rauchverbot am Arbeitsplatz fürchtet die Zigarettenindustrie besonders Rauchverbote im öffentlichen Personenverkehr und versucht daher, hier mitzumischen. In einem der Texte (148/1992) geht es um ein Treffen einer Lufthansa-Arbeitsgruppe, die sich Gedanken über ein vorgeschlagenes Rauchverbot für Inlandsflüge machen soll. Eingeladen ist auch Adlkofer vom FdZ. Er schlägt auf dem Treffen vor, vor einem Rauchverbot Forschung über die Luftqualität in Lufthansa-Maschinen zu treiben, mit dem Hintergedanken, so Zeit gegen das Rauchverbot zu gewinnen. Er hofft außerdem, die empfohlenen WHO-Richtwerte über Luftqualität anwenden zu können, um zu zeigen, daß der Pegel der Schadstoffe durch Zigarettenrauchen toxikologisch nicht relevant ist. Notfalls müßte man dafür das Lüftungssystem verbessern. Adlkofer sieht dieses Konzept der Problemlösung im Sinne des Rauchens anwendbar auch für andere öffentliche Orte wie z.B. den Arbeitsplatz.

Verdeckte Beziehungen

Es wurde schon erwähnt, daß die Zigarettenindustrie sich zwar ein enges Geflecht von Beziehungen zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung wünscht, sie aber andererseits diese Beziehungen gern geheim halten will, da sonst die Glaubwürdigkeit ihrer Strohmänner leiden würde. Die Zigarettenindustrie hatte da schon gelegentlich die Hände im Spiel, wo es der Außenstehende nicht erwartet hätte. So wird in einem Text (69/1980) berichtet, daß Professor Jacob aus Heidelberg, der Rauchen für eine Ursache für Lungenkrebs hält, die programmatische Rede für die Rauchgegner am Weltgesundheitstag gehalten hat. Aber, und hier kommt die Überraschung, er hat vorher den Vortragsentwurf an die Zigarettenfirma Reynolds geschickt, und die hat darin Änderungen vorgenommen. Nach dem Vortrag ist Jacob dann negativ überrascht durch die trotzdem eintretende "parteiliche und einseitige" Interpretation seiner Ausführungen in den Medien.

Auch wenn der FdZ Symposien und Konferenzen finanziell unterstützte, um Einfluß darauf nehmen zu können, hatte er ein großes Interesse daran, diese Verbindung zu vertuschen. In einem Text (52/1979) macht sich der Schreiber Gedanken über eine Konferenz, bei der die finanzielle Unterstützung durch den FdZ geheimgehalten werden soll, da sonst gewünschte Personen nicht teilnehmen würden. Man will die besten Wissenschaftler und die WHO dabei haben. Dies soll keine Bühne für wissenschaftliche oder gesetzliche Kontroverse sein. Nur Personen auf der gleichen Seite wie die Industrie sollen im Programm sein.

Beobachtung der

Nichtraucher-Organisationen

Auch der systematischen Beobachtung des erklärten Gegners in Gestalt der Nichtraucher-Organisationen schenkte die Zigarettenindustrie Aufmerksamkeit. Der früheste Text dazu (62/1980) ist dem Ärztlichen Arbeitskreis Rauchen und Gesundheit gewidmet, der "führenden Antirauchergruppe in Deutschland, die die Firma Reemtsma belangt hat, weil sie Poster mit jungen und gesunden Models für die Werbung benutzt und damit den Anschein erweckt, daß keine negativen Effekte vom Rauchen ausgehen". In einem Text aus dem nächsten Jahr /96/1981) erfahren wir, daß der FdZ mit der Erforschung von Nichtraucher-Organisationen in Deutschland beginnt. In einem anderen Text (139/1988) erwähnt Adlkofer die zunehmende Aktivität der Nichtrauchergruppen. Willy Burger


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