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Rauchen volkswirtschaftlich eine Last? Drucken E-Mail
Veröffentlicht von Ernst-Günther Krause   
Donnerstag, 5. Oktober 2006

(veröffentlicht in: Zeitschrift für Rechtspolitik 7/99, 32. Jg., S. 284 f.)

In Heft 1 und 7 der ZRP beschäftigen sich Eike von Hippel und Rolf Coeppicus aufgrund der Prozesse in den USA mit den Gesundheitskosten des Rauchens hierzulande. V. Hippel regt die Träger der Sozialversicherung an, die ihnen durch das Rauchen entstehenden Kosten von der Tabakindustrie erstatten zu lassen. Coeppicus1) dagegen meint, dass Raucher für die hiesige Sozialversicherung eine Entlastung darstellen und verneint jegliche Regressansprüche. Ich denke, für beide Versionen lassen sich Argumente finden. Aber reichen diese aus?

Belasten oder entlasten die Raucher die Krankenkassen? Eine fundierte Antwort auf diese Frage ist derzeit und wahrscheinlich auch in zehn Jahren noch nicht möglich. Trotz der vielen Studien über die durch Rauchen verursachten Krankheiten fehlen noch wesentliche Daten, um medizinische Erkenntnisse in nackte Zahlen zu fassen und dadurch für Kostenrechner handhabbar zu machen. Zur Zeit kann es nur darum gehen, argumentativ abzuwägen, welche Faktoren belastend und welche entlastend wirken.

Zunächst muss man sich daran erinnern, dass die Krankenversicherung eine zwar wichtige, jedoch nicht die einzige Säule der Sozialversicherung darstellt. Die Auswirkungen des Rauchens treffen auch alle anderen Säulen, also die Rentenversicherung, die Pflegeversicherung, die Unfallversicherung und die Arbeitslosenversicherung - allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. So liegt zum Beispiel der Anteil der Raucher an den Arbeitslosen über dem der Nichtraucher, was wohl mit dem schlechteren Gesundheitszustand der Raucher zu tun haben könnte. Raucher sind auch stärker als Nichtraucher an Unfällen beteiligt, für die die gesetzliche Unfallversicherung aufzukommen hat. Ob das mit dem Charakter oder mit der Ablenkung durch die Handhabung der Zigarette oder mit anderen Faktoren zu tun hat, sei hier dahingestellt.

Raucher sterben zwar früher als Nichtraucher, so dass Rentenleistungen entfallen. Sie werden aber auch früher zu Invaliden
, so dass sie keine Versicherungsbeiträge mehr bezahlen. Gleichzeitig werden Versicherungsleistungen ab diesem Zeitpunkt fällig. Doch in welcher Höhe? Welche Krankheiten werden durch das Rauchen und in welchem Ausmaß hervorgerufen, gefördert, verstärkt? Welcher Prozentsatz ist hier zu anzusetzen? Was ist mit der Tatsache anzufangen, dass bestimmte Heilungsprozesse, z.B. bei Knochenbrüchen und Erkältungen, bei Rauchern viel länger dauern? Die von der Weltgesundheitsorganisation genannten 27 Krankheiten, die durch Rauchen entstehen oder gefördert werden können, umschreiben daher bei weitem noch nicht das ganze für die Gesundheit schädliche Potential des Tabakkonsums.

Wer raucht, schädigt nicht nur sich selbst, sondern auch seine Mitmenschen durch Passivrauchen
. Mehr als die Hälfte aller Kinder wachsen in Haushalten auf, in denen mindestens ein Elternteil raucht. Asthma, Mittelohrentzündungen und andere Erkrankungen sind die Folge. Millionen nichtrauchende Arbeitnehmer nehmen tagtäglich Mengen von Tabakrauch auf, die akute oder chronische Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Diese Faktoren sind in keiner der bisherigen Studien berücksichtigt worden, wie die Internationale Konferenz über die sozialen Kosten des Tabakkonsums am 21./22. August 1998 im schweizerischen Lausanne gezeigt hat.

Wie gesagt, man kann lang darüber diskutieren und abwägen, welche kostenmäßigen Belastungen und Entlastungen den Krankenkassen oder den Trägern der Sozialversicherung durch Rauchen entstehen. Eine deutsche Studie gibt es jedenfalls nicht und alle ausländischen Studien haben zum Teil erhebliche Schwächen. Auch das wurde in Lausanne deutlich.

Da Rauchen vorwiegend als ein gesundheitliches Problem angesehen wird, ging es bisher fast ausschließlich nur um seine Auswirkungen auf die Krankenversicherung und die Sozialversicherung. Man stellte - mehr oder weniger fundiert - den Ausgaben die Einnahmen gegenüber. Eine solche Betrachtung ist jedoch aus volkswirtschaftlicher Sicht völlig unzureichend. Entscheidend sind nämlich nicht die Auswirkungen des Rauchens auf die Teilrechnung Sozialversicherung, sondern auf die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung.

Das Sozialprodukt2) stellt den Gesamtwert der in einem Jahr produzierten Sachgüter und Dienstleistungen dar. 1997 betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 3,64 Billionen Mark. Bei insgesamt 35.805.000 Erwerbstätigen bedeutet das, dass jeder Erwerbstätige mit durchschnittlich rund 100.000 Mark an der Erstellung des BIPs beteiligt war.

Kranke Menschen können kein Auto herstellen, keinen Passagier befördern oder keinen Kunden beraten. Wenn Raucher im erwerbsfähigen Alter im Durchschnitt um 30 Prozent häufiger krank sind als Nichtraucher3) dann wird auch das BIP entsprechend gemindert. Unter Verwendung der 592 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage, die die Träger der gesetzlichen Sozialversicherung für 1996 gemeldet haben, errechnen sich für die Raucher rund 386.000 Mannjahre Ausfallzeit, so dass festgestellt werden kann: Durch Rauchen verursachte Krankheitshäufigkeit mindert das Bruttoinlandsprodukt um mindestens 38 Milliarden Mark.

Versicherungsmathematische Berechnungen der Schweizer Rückversicherung, Zürich, bestätigen die in vielen medizinischen Studien gewonnene Erkenntnis, dass Raucher frühzeitiger sterben als Nichtraucher, genauer: um den Faktor 1,8. Peto, Lopez u.a. kommen in ihrer Studie "Mortality from smoking in developed countries" zu dem Ergebnis, dass Raucher, die im Alter von 35 bis 69 Jahren sterben, im Durchschnitt 21 Lebensjahre verlieren. Bei den 120.118 Bundesbürgern, die 1996 im Alter von 25 bis 65 Jahren starben, war die Todesursache bei 37.045 Krebs, 35.075 starben an Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems, insbesondere Herzinfarkt. Selbst sehr zurückhaltend geschätzt, muss von mindestens 30.000 Todesfällen ausgegangen werden, die im erwerbsfähigen Alter auf das Rauchen zurückzuführen sind. Dabei ist von einem Ausfall von mindestens 5 produktiven Jahren auszugehen, da die den frühzeitigen Tod herbeiführenden Raucherkrankheiten stärker verhaltensbedingt als altersbedingt sind, so dass festgestellt werden kann: Durch Rauchen verursachte Übersterblichkeit mindert das Bruttoinlandsprodukt um mindestens 15 Milliarden Mark.

Wer die jährlichen Zugänge an Renten wegen Erwerbs- und Berufsunfähigkeit betrachtet und sie mit den medizinisch-epidemiologischen Erkenntnisses weltweiter Studien über das Rauchen verknüpft, kommt ebenso wie die Bundesregierung 1974 in der Bundestagsdrucksache 7/2070 zu der Schlussfolgerung, dass von den 283.000 Zugängen 1996 wohl mindestens 100.000 dem Rauchen zuzuordnen sind. Auch hier ist ebenso wie bei der Übersterblichkeit schon allein aufgrund der Ursachen der Rentengewährung von einem Ausfall von mindestens 5 produktiven Jahres auszugehen, so dass festgestellt werden kann: Durch Rauchen verursachte Frühinvalidität mindert das Bruttoinlandsprodukt um mindestens 50 Milliarden Mark.

Was spricht außerdem noch dafür, dass durch Rauchen die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft Deutschland jährlich um mehr als 100 Milliarden Mark verringert?

Nach einer Umfrage der GfK Marktforschung vom September 1974 rauchen in Deutschland 39,2 Prozent der Bürger im Alter von 16 bis 69 Jahren (32,4 Prozent regelmäßig, 6,8 Prozent gelegentlich). Hinzu kommen 11,8 Prozent Ex-Raucher mit regelmäßigem Tabakkonsum und 10,3 Prozent mit gelegentlichem Tabakkonsum. Raucher und Ex-Raucher bilden also zusammen eine Mehrheit von über 60 Prozent. Krankheitshäufigkeit, Frühinvalidität und Übersterblichkeit aufgrund früheren Rauchens werden in den Studien nur selten erfasst. Ex-Raucher fallen fast immer unter die Nichtraucher. Es ist in der Regel nicht so, dass man nach einem zwanzigjährigen Raucherleben mit der Aufgabe des Rauchens rasch den Gesundheitszustand eines lebenslangen Nichtrauchers hat. Häufig wird das Rauchen gerade deshalb aufgegeben, weil man seine irreparablen Wirkungen verspürt.

In Deutschland gibt es wie in den meisten Industriestaaten zu beinahe hundert Prozent nur Raucher, Ex-Raucher und Passivraucher. Die Zahl derjenigen, die als echte Nie-Aktiv- und Nie-Passivraucher eingestuft werden können, ist verschwindend gering. Das lässt die Schlussfolgerung zu, dass die schädlichen Auswirkungen des Rauchens mit hoher Wahrscheinlichkeit noch viel größer sind, als es die Zahlen 1,3 für die Krankheitshäufigkeit und die Zahl 1,8 für die Übersterblichkeit ausdrücken.

Wenn Rauchen so schädlich für die Volkswirtschaft ist, dann ist es auch betriebswirtschaftlich ein größerer Kostenfaktor. Und in der Tat: Von den 52 Milliarden Mark, die die Arbeitgeber 1996 für Entgeltfortzahlungen aufbringen mussten, sind wohl mindestens 12 Milliarden Mark dem Tabakkonsum zuzurechnen. Hinzu kommt, dass allein durch die Handhabung der Zigarette (etwa eine Minute pro Zigarette) oder durch die oft akzeptierte Zigarettenpause (fünf Minuten pro Zigarette) ein Arbeitsausfall entsteht, der einen zweistelligen Milliardenbetrag kostet. Kein Wunder also, dass bereits einige Betriebe zur Verminderung der direkten und indirekten (Passivrauchen) Kosten des Rauchens einen wirksamen Nichtraucherschutz herbeigeführt haben, z.B. IBM Deutschland (19.700 Mitarbeiter), Berliner Bankgesellschaft (6.000), Texas Instrument Deutschland (1.250) und Bahlsens Keksfabrik (500).

Die volkswirtschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Kosten des Rauchens sollten für den Gesetzgeber Grund genug sein, den Tabakkonsum zu regeln und beispielsweise den Zugang zur Zigarette für Kinder und Jugendliche beschränken. Gleichzeitig ist von ihm zu fordern, die durch Passivrauchen bewirkte gesundheitliche Schädigung durch einen umfassenden Nichtraucherschutz zu begrenzen. Es sollte nicht allein der Rechtsprechung überlassen bleiben, aus allgemeinen Regelungen, z.B. § 618 BGB, spezifisches Recht zu setzen.

Ernst-Günther Krause

Diplom-Handelslehrer

 

Der Verfasser ist 1988 geschäftsführender Vizepräsident der Nichtraucher-Initiative Deutschland e.V.



1) Die von Coeppicus zitierte niederländische Studie basiert lediglich auf 5 durch Rauchen verursachten Krankheiten und lässt alle indirekten Kosten, z.B. die Schädigung von Kindern durch Passivrauchen, außer Betracht.

2) Die hier verwendeten Daten stammen, wenn nichts anderes angegeben ist, aus dem Statistischen Jahrbuch 1998 für die Bundesrepublik Deutschland, herausgegeben vom Statistischen Bundesamt, Verlag Metzler-Poeschel, Stuttgart 1998.

3) Zusammenstellung des Statistischen Bundesamtes über die Rauchgewohnheiten im Mai 1992, erhoben im Rahmen des Mikrozensus 1992.

4) veröffentlicht im Nichtraucher-Info Nr. 28/97, herausgegeben von der Nichtraucher-Initiative Deutschland e.V.

 

Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 5. Oktober 2006 )